Titel
Zur Kontroverse zwischen Evolutions- und Schöpfungstheorie
Die öffentliche Meinung ist geprägt von einer allgemeinen Evolutionsvorstellung. Nicht umsonst wurde die 200. Wiederkehr des Geburtstags von Darwin am 12. Februar 2009 zum Anlass genommen, gleich ein ganzes Jahr seinem Gedächtnis zu widmen. Schließlich sei ja die Abstammungslehre die am besten bewiesene wissenschaftliche Hypothese. Doch ein Blick in aktuelle Umfragen scheint uns eines Besseren zu belehren. Bezweifelt doch tatsächlich etwa ein Drittel der Bevölkerung das Bild der öffentlichen Meinungsdarstellung: „Jeder achte Student hat Zweifel bezüglich der Evolutionstheorie, einige von ihnen wollen sogar Biologielehrer werden“ (Der Spiegel, 26.4.2007).[1] „Alle Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass die Zahl der Evolutionsgegner in Deutschland von rund 20 auf bis zu 30 Prozent angestiegen ist“ (GEO.de).[2] „Eine repräsentative Umfrage der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) hat ergeben, dass auch in Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung (38 %) die Evolutionstheorie bestreitet“ (science-at-home.de).[3] Jedenfalls stellt dieses Drittel der Bevölkerung nach einem Beschluss des Europarates aus dem Jahr 2007 über „The dangers of creationism in education“[4] eine potenzielle Gefahr dar. Denn die Vertreter der Schöpfungstheorie führten einen Krieg gegen die Evolutionstheorie, ihre Theorie beruhe auf verdrehter und verfälschter echter Wissenschaft, sei eine massive Gefahr für die medizinische Forschung und stehe letztendlich in engem Zusammenhang mit dem Rechtsextremismus, ja die Leugnung der Evolutionstheorie sei sogar schädlich für die Kindererziehung.
Bei näherer Betrachtung der so massiven Angriffe auf jede Skepsis gegenüber der Evolutionstheorie lässt sich mit Recht fragen, ob hierin nicht die eigentliche Gefahr für die freie Forschung und den freien wissenschaftlichen Austausch zu sehen ist. Schlägt man die neu aufgelegte erste deutsche Übersetzung des Hauptwerkes von Darwin[5] aus dem Jahr 1860 auf, stößt man im Vorwort auf einen interessanten Hinweis des Tübinger Professors Thomas Junker. Prof. Junker nimmt dort Bezug auf den damals renommierten Paläontologen Heinrich Bronn, den Erstübersetzer von Darwins Werk ins Deutsche. Dieser teilte überraschenderweise die Grundpositionen Darwins überhaupt nicht und hielt bis zu seinem Tod 1862 an seiner Opposition fest. Bronn ist damit ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenschaft eigentlich arbeiten sollte, nämlich sachlich durch das Wahrnehmen und Diskutieren gegensätzlicher Hypothesen und Theorien. Wissenschaftliche Hypothesen werden durch das Prinzip der Induktion (Schlussfolgerung anhand vieler Einzelfälle auf ein allgemeines Gesetz) und Deduktion (Herleitung von Aussagen zu einem besonderen Fall aus einem allgemeinen Gesetz) gewonnen. Naturwissenschaft befasst sich mit gegenwärtig ablaufenden Vorgängen, Sachverhalten und Ereignissen, die jederzeit feststellbar, wiederholbar und unabhängig vom Beobachter sein müssen. Die Grundlagen von Naturwissenschaft sind Beobachtung und Experiment, aus denen die ersten Daten gewonnen werden, die zur Aufstellung der Ausgangshypothese führen. Die Erhebung weiterer Daten führt zur Verifizierung, Falsifizierung oder Modifizierung der Ausgangshypothese. Theorien gelten also nur bis auf Widerruf. Sie können nie als endgültig wahr erwiesen werden. Dies liegt nicht in der Reichweite der erfahrungsmäßigen (empirischen) Forschung. Wissenschaft anhand von Beobachtung und Experiment beruht ferner auf dem Prinzip des methodischen Atheismus. Demnach werden empirisch erfassbare Vorgänge nicht von übernatürlichen Ursachen beeinflusst. Diese Vorgehensweise gilt für alle regelhaften und beobachtbaren Naturvorgänge in der Gegenwart. Nun ist aber der Ursprung der Welt ein einmaliges Ereignis in der Vergangenheit und folglich nicht wiederholbar. Direkter Beobachtung und dem Experiment ist also der Zugang zur Klärung der Ursprungsfrage verwehrt. Würde sich die Naturwissenschaft hier auf ihren empirischen Erkenntnisbereich beschränken, könnte sie folglich keine Aussage über den Ursprung und den Werdegang der Welt machen. Die Frage nach der Geschichte des Lebens kann also nicht mit ausschließlich naturwissenschaftlichen Methoden beantwortet werden. Vielmehr muss sich die Forschung hier derselben Methode bedienen, wie sie in der Geschichtsschreibung Anwendung findet. Deswegen hieß die Evolutionslehre auch lange Zeit Naturgeschichte. Sie ist demnach eine historische Wissenschaft, die Indizien wie z. B. den Fossilbericht, die geologischen Befunde, Ähnlichkeiten oder Mutationsgeschehen im Rahmen einer vorgegebenen Sichtweise deutet. Aussagen zur Naturgeschichte liegen also unvermeidlich weltanschauliche Axiome zugrunde (Abb. 1). Entweder erklärt man vergangene Ereignisse wie die Entstehung des Lebens durch ausschließlich natürliche Vorgänge oder man lässt übernatürliche Vorgänge für die Entstehung des Lebens zu. Diese Grundentscheidung wird vor dem Aufstellen der jeweiligen Hypothese und Theorie bewusst oder unbewusst getroffen. Die Evolutionstheorie erklärt das Leben durch rein natürliche Vorgänge, die Schöpfungstheorie schließt übernatürliches Wirken bei der Erschaffung der Welt nicht aus. Beide Forschungsansätze erheben Daten, stellen Hypothesen auf und werten die Indizien je nach ihrer zugrunde gelegten weltanschaulichen Entscheidung unterschiedlich aus. Die sich ergebenden Theorien der beiden unterschiedlichen Vorgehensweisen unterliegen dem Prinzip der Verifizierung und Falsifizierung und können, wie es Hypothesen zu eigen ist, nie als endgültig wahr bewiesen werden, wohl aber unterschiedliche Erklärungskraft und Stichhaltigkeit aufweisen. Der bereits oben erwähnte Prof. Junker weist auch auf diesen weltanschaulichen Aspekt hin, wenn er in seinem Vorwort schreibt: „Aus der Geschichte der Evolutionstheorie ist bekannt, dass sich vor allem jüngere, politisch liberale und areligiöse Biologen von Darwin überzeugen ließen. Die überwältigende Mehrheit der älteren, politisch konservativen oder religiösen Wissenschaftler lehnte Darwins Theorien dagegen ab.“
[1] http://www.spiegel.e/unispie gel/studium/0,1518,479460,00.html
[2] Carstens, Peter: Der Kreationismus ist ein florierendes Business, in: GEO.de
[3] http://www.science-at-home.de/news/kurios/kurios_det_20051217153051.php
[4] Council of Europe, Parliamentary Assembly, Committee on Culture, Science and Education Report Doc. 11297 vom 8.7.2007, Doc. 11375 vom 17.9.2007 und Resolution Nr. 1580 vom 4.10.2007
[5] Darwin, Charles: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. London 1859
——————
Interesse geweckt?
Dann erwerben Sie sich die gedruckte Broschüre des DGWs, die ab Ende Juni in allen Prioraten und vielen Kapellen der Priesterbruderschaft St. Pius X. ausliegt, für nur 3 Euro.
Oder Sie abonieren die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift bequem übers Internet mit einer E-Mail an: versand_dgw@yahoo.de
Unverbindliche Empfehlung!