Ursachen der Kirchenkrise (Teil 5)

Immanuel Kant (1724–1804)

5. Kapitel: Das Jahrhundert der

„Aufklärung“

 

Seit Luther ist der Mensch total frei – und um frei bleiben zu können, hat er die Autorität der Kirche verworfen. Du verstehst aber wohl, lieber Bernhard, dass der Mensch sich somit in den Zustand des Aufbegehrens versetzt. Er weiß das genau, und sein Gewissen macht ihm dies zum Vorwurf.

Die Feinde Gottes gingen alsbald zur nächsten Etappe über: Nach ihrem Aufbegehren behaupteten sie, sie hätten das Recht zum Aufruhr gehabt. Nachdem sie die Kirche verworfen hatten, behaupteten sie zudem, die Kirche hätte sie betrogen und sie würden nunmehr die Wahrheit ans Tageslicht bringen. Dies sollte mithilfe einer neuen Gesellschaftsform geschehen, in der nicht mehr alles auf Gott hin ausgerichtet wäre, sondern auf den Menschen und seine Freiheit.

Du verstehst, dass wir bei einem sehr folgenschweren Zeitabschnitt angelangt sind.

Stelle Dir einmal vor, lieber Bernhard, einer Deiner Freunde würde seinem Vater nicht mehr gehorchen wollen. Er wäre zunächst nur heimlich ungehorsam, nach und nach aber immer unverblümter, sobald er auf seinen Ungehorsam nicht mehr verzichten könne. Alsbald würde sein Vater einschreiten. Stelle Dir dann vor, dass Dein Freund dem Vater Folgendes entgegnen würde: „Wer hat dir erlaubt, mich herumzukommandieren? Ich bin frei!“ Dein Freund befände sich damit in einer anormalen Lage: nämlich im Zustand des Aufruhrs. Nun stelle Dir vor, Dein Freund hätte darüber nachgedacht und erklärte nun: „Ich hab’s! Mein Vater hat mich belogen! Er hat mir gesagt, seine Autorität käme von Gott, aber das ist nicht wahr! Es gibt gar keine Autorität; Gott hat die Autorität weder geschaffen noch gewollt, noch geschützt! Er wollte die Freiheit jedes einzelnen Menschen und Er wollte auch meine Freiheit! Meine Freiheit ist göttlich! Also darf mir nicht nur niemand vorschreiben, was ich tun soll, sondern ebenso wenig, was ich zu denken oder zu lieben habe!“ Dies wäre eine vollständige Revolution, die sogar noch wesentlich schwerwiegender wäre als der anfängliche Ungehorsam! Die Familie wäre durch eine neue – eine revolutionäre – Ordnung ersetzt worden, obwohl es eine Dreistigkeit wäre, dies auch noch als „neue Ordnung“ bezeichnen zu wollen!Und genau dies ist als Folge von Luthers Irrlehren eingetreten. Hier nun im Einzelnen, wie es dazu kam:

Nachdem die Feinde Gottes zuerst die Kirche und ihre Autorität verworfen hatten, lehnten sie sodann auch die Könige, Fürsten und alle anderen Vorgesetzten samt deren Autorität ab. Ihrer Auffassung nach waren die Menschen frei, sich nach eigenen Vorstellungen zu regieren, sich selber Gesetze zu geben, wie sie es wünschten. Wenn Menschen also in einer Gesellschaft zusammenlebten, dann nur deshalb, weil sie das selber so gewollt hätten. Dies ist Rousseaus berühmter „Gesellschaftsvertrag“, den man auch als „Demokratie“ bezeichnet – also die Volksherrschaft ohne jegliche Autorität.

Versuche doch mal, eine kurze Zeit lang wirklich völlig allein zu leben. Du wirst sehr schnell feststellen, dass das unmöglich ist: Die menschliche Natur ist viel zu beschränkt, um alleine zurechtzukommen; sie braucht die Unterstützung anderer: Und genau dies nennt man Gesellschaft. Nun hast Du Dir deine Natur aber nicht selber ausgesucht, also hast Du auch nicht frei gewählt, in Gesellschaft zu leben. Es ist Gott, der dies für uns alle ausgesucht hat, indem er uns so erschaffen hat, wie wir sind. Und weil ebenfalls Gott gewollt hat, dass wir Vorgesetzte, Lehrer, Führer, einen Vater usw. brauchen, so hat auch Gott selbst die Väter, die Vorgesetzten, die Lehrer usw. gewollt und ihnen einen Teil Seiner Autorität mitgeteilt, damit sie ihre Sendung gut erfüllen.

Du verstehst nun, dass der Mensch – hat er erst einmal ein solches Übermaß an Unabhängigkeit erreicht – praktisch zu einem „kleinen Gott“ wird: Dies ist die Herrschaft der menschlichen Vernunft, wie sie von den selbst ernannten Philosophen des 18. Jahrhunderts verkündet wurde.

Philosophen? Und was für welche! Irrsinnige waren sie, jawohl! Und ihr Wahnsinn gipfelte während der Revolution des Jahres 1789 in der kultischen Verehrung der „Göttin der Vernunft“ in der Pariser Kathedrale Notre Dame. Unterdessen waren diese „Philosophen“ davon überzeugt, den Unwissenden das Licht zu bringen, die die Idee der Freiheit nicht verstanden hätten, sowie den Rückständigen, die der Finsternis des Gehorsams und dem Obskurantismus der Religion verhaftet geblieben seien. Nichts weniger als „Philosophen der Aufklärung“ (auf Französisch: „Philosophen des Lichts“) – so nannten sie sich selber: Jesus Christus hatte gesagt: „Ich bin das Licht der Welt!“ und sie behaupteten von sich: „Wir sind das Licht!“ Sie hielten sich ganz einfach für den Messias, für Messiasse, die wohl Gott auf die Erde gesandt habe, um die modernen Völker aufzuklären! Und darin liegt wohl auch der Grund, weshalb sie noch ein wenig von Gott sprachen: Sie missbrauchten Ihn als Garanten des „Lichts“ ihrer „Aufklärung“.

Ja, ihre Lehre war ein neuer Messianismus, d. h. ein neues Glück für die Menschheit, jedoch vollkommen entgegengesetzt zur Lehre Jesu Christi, der die Unterwerfung im Glauben vor Gott dem Vater gepredigt hatte. Und dieser Messianismus brachte eine neue Religion mit sich, welche die Nächstenliebe durch die Freiheit, die Zehn Gebote durch die „Menschenrechte“ und die Christenheit durch die Demokratie ersetzte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Kommt Dir das bekannt vor?

Ihnen fehlte nicht einmal eine neue Kirche, welche sie im Jahre 1717 in England begründeten: die Freimaurerei – die Vorsilbe „frei“ so verstanden, wie sie sich auch in Begriffen wie „Freie Stadt“ oder „steuerfrei“ wiederfindet. Der zweite Wortteil, „Maurerei“, bezeichnet sie als die neuen Erbauer alles dessen, was ich Dir im Folgenden beschreiben werde.

Während des gesamten 18. Jahrhunderts arbeiteten die Feinde Gottes, die „Philosophen“ und Freimaurer, emsig daran, ihre neue Art, die Dinge zu erklären, einzubürgern. Und als sie sich offensichtlich stark genug fühlten, schritten sie zur Tat, um eine Welt gemäß ihren Vorstellungen zu schaffen: Das war die Französische Revolution von 1789. Weil jedoch ihre Lehre in Wirklichkeit ein völliger Wahnsinn war, konnten sie sich damit zumindest am Anfang nicht kraft der Überzeugung ihrer Argumente durchsetzen, sondern mussten sich dazu der rohen Gewalt bedienen: Deshalb ermordeten sie die Priester, den König und errichteten letztlich ihre Schreckensherrschaft von 1793.

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