vor einiger Zeit habe ich mit vier Jugendlichen eine Berechnung durchgeführt. Die Frage lautete: „Wofür nimmt sich ein Jugendlicher wie viel Zeit während eines Jahres?“ Da die Ergebnisse bei jedem Jugendlichen anders ausfallen können, würde es sich lohnen, wenn jeder für sich persönlich mitrechnen würde. Folgende Angaben stammen von oben genannten vier Jugendlichen.
Tagtäglich schläft man 8 Stunden, macht 2920 Stunden im Jahr. Fürs Essen benötigt man etwa 1 1/3 Stunden; zählt man alle größeren und kleineren Mahlzeiten des Tages zusammen, macht das im Jahr 487 Stunden. Für die eigene Körperpflege (Zähne putzen, waschen, duschen …) und das Aufrechterhalten der Schönheit (eitles Spiegelschauen, schminken …) verwenden Jugendliche eine Stunde pro Tag, macht im Jahr 365 Stunden. Rechnet man für Hobbys und Freizeit rund 2 Stunden, macht das im Jahr 730 Stunden. Manche sitzen 1 1/2 Stunden täglich vor dem Computer, ergibt 548 Stunden im Jahr. Rechnet man für Beruf bzw. Schule durchschnittlich 8 Stunden am Tag, kommt man im Jahr auf 2920 Stunden. Rund 10 Minuten am Tag nehmen sich diese Jugendlichen Zeit fürs Gebet (Morgen-, Abend- und Tischgebet). Rechnet man die Sonntagsmesse dazu, kommt man auf etwa 140 Stunden im Jahr. Nicht ganz zwei Stunden bleiben für die unterschiedlichsten Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Abwaschen, Putzen, Lesen, Faulenzen oder einfach Plaudern, macht 651 Stunden im Jahr.
Schließlich habe ich die vier Jugendlichen gefragt: „Was ist denn das Wichtigste im Leben?“ Wer jetzt die Antwort erwarten würde, das Wichtigste im Leben sei Schlafen oder der Beruf, weil man dafür am meisten Zeit aufwendet, der hat sich getäuscht. Mit einem verschmitzten Lächeln kam die Antwort: „Das Wichtigste im Leben ist Gott.“ Die Jugendlichen merkten sogleich, dass hier etwas nicht stimmen kann: Für das Wichtigste im Leben nimmt man sich am wenigsten Zeit? Ist das nicht eine verkehrte Welt?
Folgender Vergleich soll das noch verdeutlichen: Wer einen Menschen gerne mag oder sogar eine echte Freundschaft mit ihm knüpft, der möchte am liebsten stundenlang in seiner Gesellschaft weilen. Er käme niemals auf die Idee zu sagen, eine Stunde Beisammensein sei ihm zu viel. Ruft die Pflicht, dann müssen sich selbst die besten Freunde trennen, aber sie freuen sich auf das nächste Wiedersehen.
Und Gott? Wenn wir Gott wirklich lieben, wenn er uns wirklich das Wichtigste im Leben ist, warum nehmen wir uns dann so wenig Zeit für ihn? Warum ist uns dann der tägliche Rosenkranz zu viel? Warum tun wir uns so schwer, einmal eine Sakramentsandacht zu besuchen? Warum haben wir es nach der hl. Messe oft so eilig, die Kirche zu verlassen? Warum tun wir uns so schwer, regelmäßig religiöse Bücher zu lesen? Liegt es vielleicht daran, dass wir in der Theorie zwar wissen, dass Gott das Wichtigste im Leben sein soll, aber in der Praxis ist uns doch alles andere wichtiger?
Ein Faktor darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, nämlich die gute Meinung, alles aus Liebe zum Heiland, zur größeren Ehre Gottes zu verrichten. Mit einer solchen Gesinnung können letztlich alle Werke – außer etwas Sündhaftes – auf Gott bezogen und für den Himmel verdienstvoll werden, selbst das Schlafen, das Diskutieren, die Schule und das Essen. Nur besteht das Problem darin, dass man oft nicht daran denkt, wirklich alles auf diese Weise auf Gott auszurichten. Der hl. Augustinus sagte daher: „Die Gesinnung gibt den Ausschlag, ob eine Gabe reich ist oder dürftig, sie gibt den Dingen ihren Wert … Das Tun kann sündelos erscheinen und ist es doch nicht, wenn es nicht in der Absicht geschieht, in der es geschehen soll. Auch kann gut sein, was einer tut, ohne dass er selbst gut handelt … Ist das Herz recht gerichtet, so sind auch die Werke recht; im anderen Fall sind die Werke nicht recht, auch wenn sie recht erscheinen“. Darum soll man oft die gute Meinung erwecken, besonders am Morgen beim Aufstehen, alles tagsüber zur Ehre Gottes, aus Liebe zum Heiland tun zu wollen.
Aber jetzt einmal abgesehen von der guten Meinung möchte ich doch noch auf einen Gedanken aufmerksam machen: Wenn uns Gott wirklich das Wichtigste im Leben ist, dann sollten wir auch bereit sein, uns mehr Zeit für Gott zu nehmen. Die hl. Theresia vom Kinde Jesu schrieb einmal: „Die Zeit vergeht so schnell, dass wir viel mehr daran denken sollten, wie wir gut sterben, als wie wir gut leben sollen.“ Und der hl. Pfarrer von Ars bemerkte in einer Predigt: „Hätten die Verdammten die Zeit, die wir manchmal so unnütz vertun, welch heilsamen Gebrauch würden sie davon machen! Hätten sie nur eine halbe Stunde Zeit – diese halbe Stunde entvölkerte die Hölle.“ Ja, liebe Jugendliche, zum Glück haben wir noch Zeit, die wir für das Gute benutzen können. Doch tun wir das wirklich? Es ist nicht übertrieben, täglich den ganzen Rosenkranz zu beten. Ja, es ist nicht einmal übertrieben, täglich 15 Minuten über das Leben des Heilandes zu betrachten, sofern es mit den Standespflichten vereinbar ist. Und es ist schon erst recht nicht übertrieben, auch mal wochentags freiwillig zur hl. Messe zu gehen, sofern die Gelegenheit dazu besteht, selbst wenn man dafür eine Stunde Anfahrtsweg in Kauf nehmen muss, was manche Jugendliche ja auch tun. Es gibt viele Möglichkeiten, sich Zeit für Gott zu nehmen: beim Schmücken einer Kirche mitzuhelfen; gerne zu ministrieren; bei Wallfahrten oder Prozessionen nicht nur passiv, sondern auch aktiv teilzunehmen; kranke oder alte Menschen zu besuchen – ja, letztlich alle guten Werke, die man aus Liebe zum Heiland und zur Ehre Gottes tut.
Euer Pater Pirmin Suter

“Wenn wir Gott wirklich lieben, wenn er uns wirklich das Wichtigste im Leben ist, warum nehmen wir uns dann so wenig Zeit für ihn? Warum ist uns dann der tägliche Rosenkranz zu viel? Warum tun wir uns so schwer, einmal eine Sakramentsandacht zu besuchen? Warum haben wir es nach der hl. Messe oft so eilig, die Kirche zu verlassen? Warum tun wir uns so schwer, regelmäßig religiöse Bücher zu lesen?”
Lieber Pater Suter, das kann ich Ihnen sagen: Weil ein Großteil der KJB-ler sich nicht aus freien Stücken für das Glauben entschieden hat, sondern irgendwie halb von den Eltern gezwungen wird und halb noch sein auswendig gelerntes Wissen aus dem Katechismus mitschleift. Wir brauchen eine Begeisterung für den Glauben, den viele KJB-ler nur als Drohgebäude kennen.