Abenteuer Indien

Abenteuer Indien

von Simon Banwart 

Mittwoch, der 29. Dezember 2009 – früher Nachmittag auf dem Flughafen von Tuticorin, Südindien. Am Dienstag des Vortages verließ ich mein Haus in der Ostschweiz. Von Zürich flog ich darauf über Dubai nach Chennai, Indien, bevor mich dann ein älteres Propellerflugzeug noch die letzten paar Stunden zu diesem kleinen örtlichen Flughafen, mit gerade mal einem Abflug und einer Ankunft täglich, brachte. Die Sonne brannte auf die Rollbahn, und während ich zum kleinen Flughafengebäude schritt, blickte ich auf die unbebaute dürre Halbsteppe, die die Landebahn umgab. Vor dem Ausgang erblickte ich einen einzelnen hellhäutigen jungen Mann mit drei neugierigen indischen Kindern. Nachdem ich meinen Koffer aus dem Gepäckberg befreit hatte, schritt ich unsicher lächelnd auf diese zu. „Welcome in India“, begrüßte mich der breit strahlende Westschweizer mit leichtem französischen Akzent. Es handelte sich dabei um Joseph Carron, dessen Einsatz schon zwei Monate dauerte, und der nach meiner Abreise, zwei Monate später, weitere zwei Monate in Indien seinen Mann stand.

Zunächst fuhren wir alle zusammen im prioratseigenen Ambassador, einem in diesem Teil Indiens – mit einem geschätzten Automarktanteil von 80 Prozent – als „Indien-Käfer“ bekannten allgegenwärtigen Modell, das seit 1957 mehr oder weniger unverändert produziert wird, über die staubige Straße Richtung Palayamkottai.

Diese 45-Minuten-Fahrt führte mir die Notwendigkeit eines Stoßgebetes für eine heile Fahrt vor Augen, welches ich während der gesamten Dauer meines Aufenthaltes auch überdurchschnittlich selten vergaß. Neben bis zu 30 Zentimeter tiefen Schlaglöchern waren es auch die von indischen Straßen nicht wegzudenkenden Hunde, Ziegen und Kühe, die sich von herannahenden Fahrzeugen ungerührt zeigten und auch bei einem leistungsfähigeren Personenwagen jegliches „Rasen“ unmöglich machten. Auf der Straße schlafende Straßenarbeiter und ungeschulte Verkehrsteilnehmer, die nach dem Recht des Stärkeren fahren (Bus und Lkw vor Pkw vor Motorrad vor Fahrrad vor Fußgänger), machten das Fortkommen nicht gerade einfacher.

Dennoch erreichten wir unbeschädigt die Stadt. Als erstes machten wir einen Abstecher zur WG der freiwilligen Helferinnen (zwei US-Amerikanerinnen und einer Französin), die uns herzlich begrüßten, dann fuhren wir weiter zum Orphanage (Waisenhaus) der Mädchen, wo mich eine der Schwestern willkommen hieß; zu guter Letzt trafen wir im Priorat ein. Begleitet von den unsicheren Blicken der ebenda untergebrachten Waisenjungen, empfing mich der freundliche englische Prior, Father Brucciani, und zeigte mir mein Zimmer mit eigener Dusche/WC. Daraufhin bekam ich eine Stunde Zeit, um mich einzurichten, bevor ich mich wiederum im Auto befand, dieses Mal am Steuer, und dem mit Jungen überfüllten Prioratsbus durch die Straßen der Stadt folgte. Das Fahren durch diese Straßen stand Fahrten, wie man sie aus Computerspielen kennt, in nichts nach, mit dem Unterschied, dass es sich nicht um ein Spiel handelte und man nicht folgenlos überall auffahren und in alles hineinrasen konnte. So ist es zu erklären, dass ich nach dem Tankstopp bereitwillig das Steuer dem erfahreneren Brother Joseph überließ (sämtliche jugendlichen Mitarbeiter wurden entsprechend ihrem Geschlecht „Brother“ oder „Sister“ genannt) und meinen Angstschweiß im Fahrtwind auf dem Beifahrersitz trocknen ließ.

Nach vier Stunden erreichten wir Christarajapuram (Christ-König-Stadt), ein kleines Dschungeldorf und Standort einer kleinen Steinkapelle mit einem gotischen Turm sowie zugehörigem heruntergekommenen Prioratsgebäude. Als die Kinder schon im Bett waren, gönnten wir beiden Schweizer Betreuer uns ein Bad im nebenan gelegenen Weiher, wobei wir einfach einmal hofften, dass in diesem keine Wasserschlangen schwammen. Mit diesem Bad bei Vollmond, umgeben von der Wildnis, klang ein sehr langer Tag aus, der mir auf eine eindrückliche Weise zeigte, wie klein diese Welt doch ist.

Mit der darauffolgenden Woche, in der ich vorwiegend an den 15 Minuten entfernten touristenfreien Traumstrand gehen konnte, erwischte ich einen Traumstart. Dies zumindest versicherte mir Brother Joseph, der sich am zweiten Tag seines Aufenthaltes bereits als Lehrer im Klassenzimmer wiederfand.

Eine Woche später war es dann auch für mich so weit. Da die Mittel beschränkt sind und Schulleiter Father Brucciani (früherer Direktor der St. Michael’s School in England) von den Qualitäten des indischen Lehrpersonals nicht sehr viel hält, nehmen freiwillige Helfer aus dem Ausland auch in den Schulen einen wichtigen Platz ein. Für die Frauen unter ihnen stand der Unterricht sogar an erster Stelle, da die Schwestern hauptsächlich die Betreuung der Mädchen übernehmen. Unterrichtet wird in einem kleinen Schulgebäude, der Veritas Academy für den Kindergarten, die 5., die 6., die 7. und die 9. Klasse, wobei die letzten drei den Jungen vorbehalten sind. Da die Geschlechtertrennung in der ganzen indischen Gesellschaft sehr tief verwurzelt ist, werden die älteren Mädchen gesondert im Waisenhaus in einer 8. und einer 10. Klasse unterrichtet. Im Kindergarten werden u. a. schon die Grundlagen im Rechnen, Schreiben und in Englisch, der allgemeinen Unterrichtssprache, vermittelt. Wer gut genug ist, kommt in die nächsthöhere Klasse, wo man solange bleibt, bis die Lehrer einen Aufstieg für sinnvoll halten. Nebst den Waisen besuchen auch einige Kinder von den umliegenden Kapellen als Internatsschüler die Schule. Auch ein paar Externe aus der Palayamkottaier Gemeinde mischen sich darunter.

Meine Arbeit während der nächsten Wochen bestand darin, der besseren Hälfte der 5. und der 7. Klasse Mathematik etwas näher zu bringen. Den schlechteren Teil der 5. Klasse unterrichtete ich nur eine Stunde pro Woche, in der wir unabhängig vom normalen Unterricht noch einmal auf Probleme gesondert eingehen konnten. Auch fand ich mich als Lehrer für den gesamtschulischen Gesangsunterricht wieder. Da ich jedoch wie so manches der Kinder nicht wirklich singen kann, unterrichtete Brother Joseph abwechslungsweise die Jungen und Mädchen, während ich für den anderen Teil einige Spiele organisierte.

Auf diese Weise kamen 12 Stunden Unterricht zusammen. Außerdem bestand mein Aufgabengebiet in Pausen- und Hausaufgabenaufsicht, Sport mit den Jungen nach der Schule, Gute-Nacht-Geschichten-Erzählen, Kontrollieren der übernommenen Pöstchen sowie Betreuung rund um die Uhr. Auch wenn es sich vielleicht nach viel anhört, blieb immer genügend Zeit für einen selbst. Da wir bei den Jungen zu zweit waren, konnten wir uns auch des Öfteren mal eine Auszeit gönnen. Ebenfalls gab es einige Freistunden, und da ich nicht sehr viel vorbereiten musste, genoss ich einige Zeit unter den Blättern einer sehr hochgewachsenen Palme auf dem Schuldach oder machte einen Einkauf im nahegelegenen Laden. Dank den prioratseigenen Motorrädern, die wir nach Belieben nutzen durften, waren wir mobil und konnten so alleine die Stadt unsicher machen. Als einem von knapp 10 Weißen in dieser unbekannten Millionenstadt ist einem die Aufmerksamkeit der Bevölkerung immer gesichert. Für weitere Ausflüge mit den anderen freiwilligen Helfern konnten wir uns auch gelegentlich mal ein Auto ausleihen; und die Wochenendausflüge zum Fluss oder Staudamm mit dem Kleinbus voller Kinder gehörten einfach zu jedem Samstag, Sonntag oder sonstigen freien Tag.

Wie abgelegen die ganze Gegend war, wurde einem spätestens dadurch bewusst, dass man als hellhäutiger Europäer überall die Attraktion schlechthin war. Wahrscheinlich könnte man eine ganze Stange Geld verdienen, wenn man in der Manier der früheren Kuriositätenkabinette von Dorf zu Dorf ziehen würde und dem Publikum für einige Rupies (indische Währung) ein paar Kaukasier vorführen würde. Da ich dazu jedoch keine Zeit hatte und die meisten Inder nicht wirklich viel Geld besaßen, wurde auf die Durchführung dieses Vorhabens verzichtet und man durfte uns alle umsonst zu betrachten. Anfangs findet man es lustig, wie man in magnetischer Manier alle Blicke auf sich zieht, irgendwann geht es einem auf die Nerven, aber ziemlich bald gewöhnt man sich daran und lässt es über sich ergehen. Spätestens als ich mich anlässlich eines Ausflugs nach Kanyakumari, der südlichen Spitze Indiens, dabei erwischte, wie ich schon fast in indischer Manier auf die wenigen nichtindischen Touristen starrte, vergab ich meinen Betrachtern vollkommen. Auch wenn es nicht ganz politisch korrekt ist, es ist nun mal menschlich, dass nicht Alltägliches die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Viele der Waisenkinder haben Narben auf ihren Rücken. Von einer hierzulande verbreiteten, überwiegend gewaltlosen Erziehung ist in diesem Teil der Welt noch nicht viel angekommen. So kann man auf dem Markt extra elastische Baumbusstöcke mit einer Art harten Kugel an einem Ende kaufen, um, wie mir bedeutet wurde, effizient auf den Kopf eines unfolgsamen Kindes einzudreschen. Die meisten haben auch – abgesehen von den Schlägen – einige überaus harte Schicksale hinter sich. Da ist zum Beispiel Joseph, der seine Mutter er nie richtig kennenlernte, da sie jung verstarb. Sein Vater verunglückte mit den meisten seiner Geschwister einige Jahre später bei einem Verkehrsunfall. Nun fanden er und seine Schwester bei „Aunti“ eine neue Familie. Aunti heißt übersetzt so viel wie „Tantchen“. So nennen die Kinder Schwester Maria Immaculata. Sie ist das Herz des Waisenhauses. Ursprünglich lebte und arbeitete sie in den USA. Dort engagierte sie sich für Bedürftige, bevor sie sich entschloss, nach Indien zu gehen, da dort in ihrer alten Heimat die Lebensverhältnisse um einiges prekärer sind. Sie eröffnete ein Waisenhaus und holte einige der Kinder selbst von der Straße, so beispielsweise Francis: Er sagt, er habe sechs Brüder, jedoch ist von diesen keiner auffindbar. Von seinen Eltern weiß er nichts. Er lebte einige Jahre ganz auf sich allein gestellt auf der Straße und noch heute, wenn die anderen Kinder zu Verwandten in die Ferien gehen können, bleibt er als einer der Wenigen zurück. Schwester Immaculata war erst Laiin. Als sie sich der Priesterbruderschaft St. Pius X. annäherte, spürte sie ihre Berufung und trat den Trösterinnen des Herzen Jesu in Albano in Italien bei. Sie war es, die den Umzug eines großen Teiles der Kinder ins Priorat der Priesterbruderschaft in Palayamkottai veranlasste.

Auch wenn ich nur zwei Monate dort verbrachte, war es doch ein unvergessliches Erlebnis. Da ich schon von klein auf von Fernweh geplagt war, nutzte ich die Gunst der Stunde, um nach meiner obligatorischen Militärzeit, mit dem dabei erworbenen Geld zu verreisen. In meinem Freiwilligeneinsatz konnte ich mein Fernweh mit sinnvoller Arbeit verbinden, die ich beim Wehrdienst zuweilen vermisst hatte. Zusätzlich ist ein solcher Einsatz auch eine Hilfe auf dem Weg zur Selbstständigkeit eines Jugendlichen, indem er lernt, Verantwortung zu übernehmen und nicht zuletzt, sich aus der Abhängigkeit vom Elternhaus zu lösen.

Aus diesen Gründen halte ich einen solchen Einsatz für überaus empfehlenswert, sei es nun während eines Zwischenjahres nach dem Schul- oder Universitätsabschluss, in einer Semesterpause oder als Auszeit von der alltäglichen Arbeit. Wenn ich heute nochmals vor der Entscheidung stünde, nach Indien zu gehen oder nicht, würde ich trotz mangelndem Fleischangebot und zu stark gewürztem Essen, Moskitos und alltäglichen Stromausfällen, ohne groß nachzudenken noch einmal nach Indien gehen – wahrscheinlich sogar für länger.

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