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Die falschen neuzeitlichen Wahrheitsphiliosphien (Teil 2)

Verfasst von dergeradeweg am 7. November 2009

von Pater Gérard Mura

Wie kam es zu solchen Irrtümern über die Wahrheit?

Wir können die Entwicklung der großen Irrtümer in der Neuzeit mithilfe eines kleinen Schemas deutlich machen. Diese Entwicklung kann man ziemlich einprägsam an drei bzw. vier Jahreszahlen festmachen. Die Angriffe auf den Glauben entfalteten sich in mehreren Schüben über Jahrhunderte, um zu unserer Zeit einen nie dagewesenen Höhepunkt zu erreichen. Und ein Schub löste nach einiger Zeit den nächsten aus. Diese Irrtümer kamen zuerst außerhalb der Kirche auf. Am Ende wurden sie in abgemilderter Form in das Innere der Kirche aufgenommen: So empfingen diese Irrtümer im Modernismus und Progressismus, gewissermaßen ihre „Taufe“.WILeninOktRevolution

Oktoberrevolution in Russland 1917

Seit einem halben Jahrtausend führen die Kämpfe der Welt gegen die Wahrheit des Christentums bzw. der katholischen Kirche zu immer tieferen und gefährlicheren Irrtümern oder Revolutionen. Es ist recht interessant zu sehen, dass die fundamentalsten Entwicklungen der Neuzeit durch drei Jahreszahlen charakterisiert werden können. Es sind die Jahre 1517 (Protestantismus), 1717 (Freimaurerei) und 1917 (Kommunismus). In diesen drei Zeitangaben offenbart sich ein durchaus systematisches Fortschreiten des Abfalls von der Wahrheit Gottes im Abendland und darüber hinaus. 1517 ist das Jahr des Thesenanschlags Luthers zu Wittenberg, 1717 das Jahr der Gründung der Freimaurerei und 1917 das Jahr der kommunistischen Revolution in Russland, der ersten Verwirklichung eines kommunistischen Staates.

Christus sprach zu den Aposteln: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Wir sehen in diesem Wort Christi drei Ebenen: Den Vater – Christus – die Apostel (die Kirche). Der Vater sendet Christus. Christus sendet die Apostel. Christus sagt dann: „Wer euch hört, hört mich, und wer euch verachtet, verachtet mich. Wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat“ (Lk 10,16). Und öfter wiederholte Christus das Gleiche mit anderen Worten (Mt 10,40; Joh 5,23; Joh 8,19; Joh 8,42; Joh 13,20; Joh 14,6-7; Joh 15,23; 1 Joh 2,22-23). Und genau in diesen drei Schritten (in umgekehrter Reihenfolge) hat auch der säkulare Abfall der Gesellschaft von der Wahrheit stattgefunden: der Abfall von der katholischen Kirche (1517), der Abfall von Christus (1717) und der Abfall von Gott (1917). Es handelt sich um eine folgerichtige Entwicklung des Geheimnisses des Bösen. Wer die Gesandten Christi, die Nachfolger der Apostel (d. h. die Kirche), zurückweist, weist konsequenterweise auch Christus zurück, auch wenn er es nicht gleich bemerkt. Wer Christus zurückweist, weist konsequenterweise auch Gott Vater zurück. Die Geschichte des letzten halben Jahrtausends hat somit diese Worte Christi in geradezu überwältigender Weise bestätigt.

1517 markiert den Beginn des Protestantismus, dessen Kernthese nichts anderes besagt als: „Christus – Ja, Kirche – Nein“. Sie hatte die Abschaffung des Priestertums und der Sakramente zur Folge.

1717 stellt die nächste Stufe des Abfalls dar. Es ist das Jahr der Gründung der Freimaurerei in England, die immer vom Grundsatz ausging, dass Gott sich nie in die Verhältnisse dieser Welt einmische. Die Freimaurer leugneten damit offensichtlich die Menschwerdung Gottes in Christus und zogen alle Folgerungen daraus. Es gibt für sie bis heute somit weder ein Gebot Gottes noch eine von Gott stammende Lehre und Religion.

1917 fand die nächste konsequente Stufe der sozialen Revolution gegen Gott statt. Der erste kommunistische Staat wurde gegründet. Der Kommunismus will eine Gesellschaft aufbauen, die auf der materialistisch-atheistischen Leugnung Gottvaters beruht. Im gleichen Jahr 1917, in welchem diese Entwicklung einen ersten Höhepunkt erreicht hatte, erschien auch die Gottesmutter in Fatima und nannte uns die übernatürlichen Heilmittel, welche allein diese zunehmende fundamentale Krise zu überwinden vermögen.

Diese ganze säkulare Entwicklung begann nun aber nicht mit Irrtümern im Bereich der Religion oder der Offenbarung. Sie begann nicht erst mit Luther. Vielmehr beruht sie auf einem vorangehenden Irrtum im Bereich der Philosophie, d. h. im Bereich der bloßen menschlichen Vernunft, einem Irrtum, der seitdem geblieben ist und sich im menschlichen Denken sogar erheblich tiefer verankert hat als alle darauf folgenden Irrtümer:

1317 begann Wilhelm von Ockham in Oxford zu lehren, nachdem er in diesem Jahr den Grad des Baccalaureus erlangte, der ihm das Halten von Vorlesungen ermöglichte. Das Jahr 1317 steht daher symbolisch für den – allen anderen Krisen vorangehenden – Abfall von der wahren scholastischen Philosophie. Der Abfall im Bereich der Philosophie ist offensichtlich die Vorbereitung für den Abfall auf der theologischen Ebene. 1317 begann nämlich Wilhelm von Ockham in Oxford seine intensive Schreibtätigkeit sowie seine Lehrtätigkeit durch die Auslegung der „Sentenzen des Lombardus“. Er begann somit in Oxford seine nominalistische Lehre zu entwickeln und zu verbreiten. In der Zeit von 1317 bis 1328 schrieb er eine ganz erstaunliche Anzahl von philosophischen und theologischen Traktaten. Luther lernte Ockham unter anderem über seinen Lehrer Gabriel Biel kennen. Und er ließ sich offenbar – direkt oder indirekt – vielfach von ihm beeinflussen: „Ich bin von Ockhams Schule“, sagte er.

Ockham suchte mit seiner Philosophie – Nominalismus genannt – die Erkenntnismöglichkeiten der menschlichen Vernunft erheblich einzuschränken. Er wandte sich vehement gegen die überlieferte aristotelisch-scholastische Philosophie. Nach ihm haben die artgleichen Dinge kein erkennbares gemeinsames Wesen. Unsere Einteilungen der Dinge in allgemeine Arten seien daher rein willkürliche Festlegungen. Es gebe im Grunde keine allgemeingültigen Wahrheiten. Auch die Zehn Gebote habe Gott wahllos festgelegt. Die Existenz Gottes und der Seele könne nicht durch die bloße menschliche Vernunft erkannt werden. Die Philosophie könne somit die Wahrheiten der christlichen Offenbarung nicht mehr stützen.

Durch seine Ablehnung der scholastischen Philosophie, seine Bestreitung der Leistung der menschlichen Vernunft und seine Trennung von Glauben und Wissen bereitete er Luther den Weg, aber nicht nur Luther, sondern auch dem freimaurerischen Liberalismus kam er durch bestimmte Lehren über die Gesellschaft schon früh entgegen.

Die Theorie des Philosophen Immanuel Kant nahm er ebenso schon ansatzweise vorweg: In Kants Philosophie sind alle Denkkategorien bloß subjektiv – für Ockham waren es immerhin schon acht (außer der Substanz und der Qualität). Auch die Theorie der Menschenrechte ist bei ihm bereits angedacht.

Es gibt nun verschiedene falsche Philosophien. Aber alle großen Richtungen der modernen Zeit bauen auf denselben Grundirrtümern auf. Und eben diese sind schon bei Ockham angelegt. Sie behaupten mehr oder weniger, dass es dem Menschen nicht möglich sei, aus der Beobachtung von Einzeltatsachen zur Erkenntnis von allgemeingültigen Wahrheiten zu gelangen. Es werden jedoch aus dieser gemeinsamen Grundannahme verschiedene und sogar entgegengesetzte Folgerungen gezogen (Rationalismus und Empirismus; siehe unten). Sodann stellen sie statt des Betrachtungsgegenstands das denkende Subjekt selbst in den Mittelpunkt, was ansatzweise auch schon bei Ockham geschah.

Ockham wurde vor Papst Johannes XXII. angeklagt und beinahe verurteilt. Er wurde später auch exkommuniziert, jedoch aus anderen Gründen. Die Universität Paris suchte seine Lehre lange Zeit zu verbieten.

Diese historischen Zusammenhänge kamen erst durch die Beschäftigung mit der Marienerscheinung in Fatima von 1917 ganz deutlich zutage. Sie bestätigen uns, wie groß der Einfluss falscher Philosophien ist, und wie er umso größer wird, je länger diese Philosophien zersetzend wirken können. Am Ende wirken sie bis in den Innenraum der Kirche hinein.

Papst Pius X. bestätigte in seiner Enzyklika Pascendi Dominici gregis, dass der Abfall von der wahren scholastischen Philosophie gewöhnlich den Abfall im Bereich der Theologie nach sich zieht.

Der Irrtum im Bereich der Philosophie – also des menschlichen wahrheitssuchenden Denkens – liegt demnach der jahrhundertealten Gottentfremdung der modernen Zeit zugrunde.

Fortsetzung folgt…

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