Der Gerade Weg

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Die falschen neuzeitlichen Wahrheitsphiliosphien (Teil 1)

Verfasst von dergeradeweg am 2. November 2009

von Pater Gérard Mura

Geschichtliche Untersuchungen

Die Glaubenskrise ist nicht nur eine religiöse Krise

Die moderne Krise des Glaubens ist nicht nur eine rein religiöse Krise. Vielmehr reichen die Fehlhaltungen viel tiefer. Der Glaubensverfall wurzelt tatsächlich in einer irgendwie umfassenderen Schwierigkeit, die das menschliche Denken überhaupt betrifft – und nicht nur das Christentum. Der Glaubensverfall hängt nämlich mit einer Krise der grundsätzlichen Wahrheitsfähigkeit des menschlichen Denkens zusammen. Man glaubt grundsätzlich nicht mehr, dass der Mensch fähig sei, die Wahrheit zu erkennen.

Die Glaubenskrise wurzelt in einer Krise der Philosophie

Ist der Mensch überhaupt fähig, Wahrheit zu erkennen, oder ist er es nicht? Diese Frage, die der unverbildete Mensch natürlicherweise mit „Ja“ beantwortet und die auch vom griechischen Philosophen Sokrates bis hin zu den Grenzen der Neuzeit selbstverständlich bejaht wurde, wird – mehr oder weniger differenziert – von fast allen neuzeitlichen Philosophen (Denkern) rundweg verneinend beantwortet.

Dieses zunehmende Misstrauen bezüglich der Fähigkeit des menschlichen Erkennens setzte mit dem englischen Philosophen Wilhelm von Ockham (1300-1349) ein. Die kritische Haltung erhielt neuen Schwung durch die neuartige Sichtweise des Erkennens von René Descartes (1596-1650), deren Konsequenzen besonders von Immanuel Kant folgerichtig weitergeführt wurden (1724-1804).

Vielleicht denkt Ihr, dass diese und andere Philosophen, die vielen Menschen unbekannt sind, keinen entscheidenden Einfluss auf das Denken der Volksmehrheit haben können. Es ist aber zu beachten, dass diese Männer nicht allein aus sich selbst ein neues Denksystem erfunden haben. Vielmehr brachten sie Gedanken in ein System, welche versteckt oder offen das Verhalten der Menschen ihres Zeitalters schon mitbestimmten. Indem sie aber diese unklaren Gedanken zu einem geordneten gedanklichen System ausbildeten, verliehen sie ihnen wiederum ganz neue Überzeugungskraft und Einfluss. Diese Philosophen wirken somit über die sogenannten Multiplikatoren bis heute auf große Teile der Gesellschaft ein: Wenn Schriftsteller, Lehrer, Redakteure, Leiter von Fernsehprogrammen, Künstler, Politiker usw. diese Gedanken in sich aufgesogen haben, dann tauchen sie in mehr oder weniger offensichtlicher und doch sehr wirksamer Weise überall in schriftlichen Veröffentlichungen und im öffentlichen Leben wieder auf und prägen bald die Atmosphäre, der man ausgesetzt ist und der man sich nie ganz entziehen kann. Diese Multiplikatoren setzen solche philosophischen Gedanken als Voraussetzung ihres Schaffens oft wie selbstverständlich voraus, ohne das Für und Wider offen zu begründen. Darum können sich ihre Leser nicht leicht gegen den Einfluss dieser Gedanken wehren.

Wie denken die heutigen Menschen?

Sicher habt Ihr schon gehört und selber allzu oft bemerkt, wie heute die Menschen selbstverständlich davon ausgehen, dass die Wahrheit (besonders die weltanschauliche Wahrheit) für den Einzelnen nicht feststellbar und so auch gar nicht von Bedeutung sei. Diese Überzeugung – niemand könne behaupten, seine Religion sei die wahre – ist ein sehr ernstes Hindernis für die Missionsarbeit: Wer glaube, dass eine Religion allein Recht habe, führe Streit herbei, verstoße gegen die Nächstenliebe und sei überhaupt sehr anmaßend. Eine Religion wird dann als die rechte betrachtet, wenn sie einem ganz persönlich bringt, was man sich erhofft. Das mehrfache Dogma „außerhalb der Kirche kein Heil“ ist darum bei Katholiken im Allgemeinen nicht mehr bekannt. Theologen, die es kennen, es aber weder ablehnen können noch annehmen wollen, nennen es oft einfach ein sehr dummes Dogma.

Bei der Diskussion von Traditionalisten mit einem Pfarrer meinte dieser öffentlich: „Wir sind alle Suchende auf dem gemeinsamen Weg – durch alle Religionen.“ Und er fügte hinzu: „Niemand kann sagen: Hier ist die Wahrheit“ (also etwa in der katholischen Kirche). Weiter behauptete er im gleichen Sinn, man könne doch unmöglich zu irgendjemandem sagen „Du bist häretisch“. Ähnliches wird regelmäßig innerhalb der katholischen Kirche vertreten. Die Wahrheitsauffassungen von Nichtkatholiken sind selbstverständlich nicht besser, sondern eher noch freier.

Man unterscheidet also im weltanschaulichen Bereich nicht mehr zwischen Wahrheit und Irrtum. Das Wichtigste scheint zu sein, dass jemand auf der Suche ist. Und dieses „auf der Suche sein“ wird selbstverständlich allen Menschen unterstellt, obwohl sie vielleicht an der Wahrheit noch nie so wenig interessiert waren wie heute.

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