Grußwort von Pater Jean-Jacques Udressy im DGW 3/2009
Verfasst von dergeradeweg am 16. Oktober 2009
Liebe KJBler,
erlaubt mir, auf die Jahreslosung zurückzukommen, um mit Euch über den Mut zu sprechen. „Alles vermag ich in dem, der mich stärkt!“ Dieser Satz des hl. Apostels Paulus soll uns nämlich Mut machen. Mut braucht jeder, der im geistlichen Leben voranschreiten will. Es sind aber allerlei Gründe, die uns veranlassen wollen, den Mut zu verlieren. Angesichts der heftigen Versuchungen und Lockungen der Welt, der zahlreichen Angriffe der Gegner Gottes und der Kirche und auch angesichts unserer Schwächen kann die Versuchung zu kapitulieren groß sein. Das aber stellt eine große Gefahr für unser Heil dar. Somit ist es entscheidend, unsere Mutlosigkeit zu bekämpfen, wenn sie uns beschleicht, und unser Vertrauen wieder neu zu entfachen. Der Mut bringt nämlich Kraft. Der Erfolg einer Seele, die ihre Heiligung anpackt, hängt zum großen Teil von dem Vertrauen ab, das sie belebt. Ein großes Vertrauen wird sie zu großzügigen Anstrengungen anregen, und sie wird trostvolle Ergebnisse erreichen. Allerdings geht es hier nicht um ein natürliches Vertrauen, das auf ein starkes Selbstbewusstsein und auf die eigenen Kräfte baut, sondern um ein übernatürliches, das auf der Allmacht und Güte Gottes beruht. Ist eine Seele entmutigt, dann ist sie wie gelähmt, kraftlos, zu nichts mehr fähig. Verliert sie aber den Mut nicht, so wird sie sich auch nach dem Fall wieder erheben, selbst wenn sie in schwere Sünden gefallen ist. Sie wird ihre Fehler und schlechten Gewohnheiten beharrlich bekämpfen, denn sie ist fest überzeugt, dass sie mit der Hilfe Gottes die Hindernisse in ihrem geistlichen Leben überwinden kann. Warum wird eine Seele von der Mutlosigkeit überwältigt?
Weil die Schwierigkeiten, mit welchen sie konfrontiert ist, ihr zu groß erscheinen. Die häufigen und wiederholten Angriffe des Teufels, der Welt und der schlechten Neigungen sind ihr zu stark. „Christlich leben? Ich kann das nicht! Heilig werden ist nichts für mich, völlig utopisch!“ Schwierig heißt aber nicht unmöglich. Das Bemühen um unsere Heiligung ist oft schwierig, das stimmt, aber diese zu erlangen, ist nicht unmöglich! Die Tausenden von Heiligen, welche die Kirche uns verehren lässt, bezeugen, dass es möglich ist, heilig zu werden. Sie sind konkrete Beweise, dass es doch zu schaffen ist! Auch in unserer Umgebung gibt es tugendvolle Menschen, die uns schöne Beispiele von christlicher Liebe, Verzicht usw. geben. Dabei leben auch sie in der heutigen Welt. Da wird vielleicht einer erwidern: „Ach, bei ihnen ist es aber anders. Sie haben es viel leichter, sie sind den Einflüssen ihrer Umwelt gegenüber unempfindlich. Mich aber lockt dies oder jenes wahnsinnig, ich kann nicht widerstehen.“ Halt mal! Wer sagt dir, dass es wirklich so ist. Wie oft hat man den Eindruck, dass die anderen es leichter haben. Dabei sind sie manchmal stärker geprüft als wir, bleiben jedoch treu und zeigen wahre Freude am christlichen Leben. „Ja, ich weiß, es ist schön! Manchmal beneide ich diese Menschen, aber ich, ich werde es nie erreichen!“ Von dir aus wirst du das nicht erreichen, das ist klar. Aber wir sind nicht uns selber überlassen, um diesen Berg der Heiligung zu besteigen. Gott hat uns die nötigen Hilfen zur Verfügung gestellt: das Gebet, die Betrachtung, den Rosenkranz, das hl. Messopfer mit der hl. Kommunion, die Beichte, den Beistand von Priestern, die Unterstützung von Freunden oder Verwandten, gute Bücher… Sagen wir also nicht: „Unmöglich! Es übersteigt meine Kräfte!“ Was sagt uns der heilige Apostel in der Jahreslosung: „Alles vermag ich in dem, der mich stärkt.“
Die Seele wird von der Mutlosigkeit überwältigt, weil sie immer wieder in dieselben Fehler fällt. Am Anfang hatte sie den guten Willen, sie wollte ihr Leben hingeben, sie fürchtete Gott zu beleidigen. Im Rahmen der Beichte, der Kommunion, vielleicht auch der Betrachtung wiederholte sie den Vorsatz, ihm zu gefallen, und legte die Punkte fest, in welchen sie sich bemühen wollte. Und dann, in der Praxis… immer noch dieselben Probleme: Sie ist nachlässig, fällt wieder in dieselben Fehler, ist den Vorsätzen untreu. Sie verliert also ihren Mut und sagt sich: „Die Heiligkeit, das ist nicht für mich!“ Und es kommt die Versuchung, alles aufzugeben, sogar das Gebet. Manchmal hört eine entmutigte Seele für eine gewisse Zeit ganz auf, sich um ihre Heiligung zu kümmern.
Diese Fehler erfolgen oft aus der Schwachheit unserer menschlichen Natur und werden nicht wirklich bewusst begangen, wie z. B. Zerstreuungen im Gebet, spontane Zeichen von Ungeduld, von Zorn oder Antipathien. Es wird uns nie ganz gelingen, diese Anfälle ganz zu vermeiden. Lassen wir uns durch sie nicht beängstigen, sondern wenden wir uns nachher in aller Einfachheit zu Gott durch einen Akt der Liebe und der Reue.
Unter diesen Fehlern sind aber auch wohl überlegte Sünden, manchmal Gewohnheitssünden. Vor allem sie sind es, die die Seele zur Verzweiflung neigen lassen. Passen wir auf: Die Entmutigung hat ihre Quelle oft in einem versteckten Stolz. Die Seele möchte gerne Erfolge im Kampf um die Tugenden sehen. Diese würden sie stärken. Ja, sie möchte Gefallen in sich selber finden. Nun sieht sie nur Schwächen und Unterlassungen und ist deshalb traurig. Sie kann ihre Schwachheit nicht akzeptieren und will aufgeben. Dieses Verhalten missfällt Gott sehr, vielleicht sogar mehr als die Sünden, die es verursacht haben. Nachdem wir in die Sünde gefallen sind, sollen wir unsere Schuld demütig vor Gott bekennen. Aber dieses Bekenntnis soll uns nicht in die Verzweiflung treiben, sondern zu einer wahren Reue hinführen, in welcher wir auch unseren Vorsatz erneuern. „Aber was mich gerade entmutigt, ist, dass ich immer wieder in dieselben Fehler falle, obwohl ich mir so oft vornehme, mich zu bessern. Der liebe Gott muss schon müde sein, meine Vorsätze anzuhören. Ob er sie überhaupt noch wahrnimmt? Ich habe selber daran Zweifel, dass sie aufrichtig sind.“ Nein, Gott wird nicht müde. Was er verlangt, ist dieser Wunsch, dieser Drang nach Vollkommenheit. Nun zeigt sich dieser Wille auch durch die Reue. Demut, Reue und Rückkehr zu Gott, das ist unser Weg zu ihm. Sind wir also schwach und unfähig, durch eine fehlerlose Treue die Gott gebührende Ehre zu erweisen, dann dienen wir ihm durch die Demut und die Reue.
Was uns noch den Mut zu nehmen droht, ist die Langsamkeit, mit der man vorwärts schreitet: „So komme ich aber nicht vorwärts!“ Da schleicht sich oft die Eigenliebe ein. Man möchte einen Fortschritt sehen und ihn messen können, aber das ist gefährlich. Stellt man nämlich Fortschritte fest, ist die Gefahr da, in sich selbst Gefallen zu finden und sich mit den anderen zu vergleichen. Sieht man andrerseits überhaupt keinen Fortschritt, neigen wir dazu, den Mut zu verlieren. Niemand hat uns gesagt, wir sollten binnen eines Tages heilig werden. Haben wir etwa an einem einzigen Tag das Gehen, Reden oder Schreiben gelernt? So werden wir auch nicht an einem Tag heilig werden. Gott weiß es, denn er hat uns geschaffen. Er nimmt Rücksicht auf unsere Natur, die ja immer Zeit braucht und Geduld erfordert. Man schreitet allmählich und langsam zur Vollkommenheit. Die guten Vorsätze müssen beharrlich beibehalten werden. Hat man in einer Woche, in einem Monat, einen einzigen Tugendakt zustande gebracht, einen einzigen Sieg gegen einen seiner Hauptfehler errungen, dann soll man nicht glauben, dass es nichts sei und verlorene Zeit gewesen wäre. Es ist zwar wenig, aber es ist immerhin ein Beginn.
Was uns manchmal zu entmutigen sucht, sind auch die Trockenheiten, welche der Seele im geistlichen Leben widerfahren. Sie empfindet Abneigung gegen das Gebet. Die Messe, die Kommunion, der Rosenkranz, die Hauptgebete wie das Morgen- und Abendgebet fallen ihr schwer. Sie sind zur Last geworden. Es ist ihr unmöglich, ihre Gedanken zu Gott zu erheben, den Worten der Gebete Aufmerksamkeit zu schenken und Gott ihre Gefühle auszudrücken. Das Herz ist trocken, hart wie ein Stein. Die Seele wird traurig und niedergeschlagen. Auch die Arbeiten des Alltags sind zu einer mühsamen Last geworden. Warum dies? Viele Seelen, die unter solcher Trockenheit leiden, stellen sich vor, lau zu sein, und befürchten deswegen, Gott zu missfallen. Sie verstehen unter Lauheit das Fehlen von spürbarem Eifer. So sagen sie: „Ich bin nicht mehr eifrig!“ Nun hängt es nicht von uns ab, unseren Eifer im geistlichen Leben zu spüren oder nicht. Der liebe Gott lässt ihn spüren, wenn er eine noch schwache Seele ermutigen und sie an seine Liebe ziehen will. Man ist aber nicht deshalb heiliger, da man Trost empfindet. Ebenso ist nicht weniger heilig, wer sich in Trostlosigkeit befindet. Es ist also falsch zu glauben, man sei lau, weil man diesen spürbaren Eifer nicht empfindet.
Worin besteht die geistige Trägheit? Es ist der Zustand einer Seele, die Gott genug fürchtet, dass sie die Todsünden vermeiden will, aber deren Liebe zu klein ist, um sie vor lässlichen Sünden zurückzuhalten. Diese Seele behält die Gewohnheit, diese Sünden zu begehen und ist nicht bemüht, sich zu bessern. Hat man aber trotz der Trockenheit, in welcher man steckt, eine wahre Sorge, die lässlichen Sünden zu vermeiden, so dass es uns schmerzt, wenn man sie begangen hat, hat man den Wunsch, sich zu bessern, dann kann man beruhigt sein: Es handelt sich nicht um Lauheit. „Aber ich muss mich zum Gebet zwingen. Solche Gebete sind doch nicht echt, sie haben keinen Wert!“ Nein, gerade das Gegenteil ist wahr: Die Gebetsübungen, die in diesem Zustand verrichtet werden, haben in den Augen Gottes oft mehr Verdienst. Wenn sie nämlich von geistlicher Freude begleitet sind, besteht die Gefahr, dass man sie bloß wegen dieses Vergnügens macht. Überfällt einen aber Langeweile und Überdruss und man bleibt dennoch treu, dann ist dies ein Beweis, dass man Gott liebt. Diese Übungen finden umso mehr Gefallen bei Gott und bringen umso mehr Verdienste, je schwerer sie fallen. Sie sind auch geeignet, uns Gnaden zu erwerben. Verrichtet man diese Frömmigkeitsübungen, obwohl uns innerlich alles dazu treibt, sie auszulassen, dann zeigt man, dass man Gottes Gnaden wirklich schätzt und sie erlangen will. Die Liebe bewährt sich nämlich vor allem in der Zeit der Prüfung.
Liebe KJBler, lasst Euch also nicht von der Mutlosigkeit ergreifen. Habt Mut! Macht mit Gottes Hilfe aus jedem Tag, aus jedem Augenblick das Beste, indem ihr seinen Willen gewissenhaft erfüllt. Überlasst die Vergangenheit der Barmherzigkeit Gottes, die Zukunft seiner heiligen Vorsehung und vertraut auf seine Güte und Allmacht. Ihr könnt alles in ihm, der euch stärkt! Alles, auch heilig zu werden.
Mit meinen priesterlichen Segensgrüßen,
Euer Pater Jean-Jacques Udressy