Paulus von Tarsus – Der Wortgewaltige
Verfasst von dergeradeweg am 10. Oktober 2009
Paulus war als ehemaliger Pharisäer mit der Heiligen Schrift bis ins Kleinste vertraut: Auf das Wort Gottes galt es ihm zu hören und es auf die praktischen Fragen der individuellen Lebensführung hin zu interpretieren, kurz, Gottes Gebote und Verbote strikt zu befolgen. Das Wort Gottes des Alten wie des Neuen Bundes war für Paulus nie nur ein Bericht über die Geschichte und die Wirklichkeit gewesen, sondern stets auch das, was die geschaffene Wirklichkeit hervorgebracht hat und bis in die Gegenwart hinein trägt. Das durch die Propheten und durch Gottes Sohn geoffenbarte Wort – insbesondere das Evangelium (wenn auch noch ungeschrieben) – war in Paulus’ Augen die Kraft Gottes selbst. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht. Es ist ja eine Gotteskraft zur Rettung für jeden, der glaubt, zunächst für den Juden, dann auch für den Heiden“ (Röm 1,16). Der Glaube war es, der Paulus zum Reden drängte, und er war fest davon überzeugt, dass er ohne die Verkündigung des Glaubens die Menschen nicht zu Christus führen könne: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie von ihm hören, wenn ihnen niemand predigt?“ (Röm 10,14)
Dabei spielte das Wie der Verkündigung eine ganz erhebliche Rolle. In welcher Form sollte Paulus das sagen, wovon er zu verkünden sich gedrängt fühlte? Die Rhetorik war in der damaligen Zeit bereits hoch entwickelt. Einer der wichtigsten Grundsätze lautete, dass die Form einer Rede ihrem Inhalt angemessen sein muss. Und gerade darin lag die größte Schwierigkeit für Paulus: Der Redeinhalt, das Evangelium, besitzt als die entscheidende Botschaft eine Größe, für die sich schwerlich eine adäquate Form finden lässt.
Die Paulinischen Briefe zeigen, dass ihr Autor auf viele rhetorische Techniken seiner Zeit zurückgriff und diese kreativ mit Redeformen der hebräischen Heiligen Schrift verbinden konnte. Nie schrieb Paulus ein Wort bloß zufällig. Jede einzelne Formulierung diente gezielt dem Zweck des jeweiligen Briefes. Sogar Gegner von Paulus äußerten sich, wie Paulus selbst schrieb, zur Wirkmächtigkeit seiner Briefe: „Die Briefe“, so heißt es, „sind allerdings wuchtig und kraftvoll, aber sein persönliches Auftreten ist schüchtern und sein Wort kraftlos“(2 Kor 10,10). Obwohl seine Briefe bei den Zuhörern gut anzukommen schienen, so muss Paulus bei seinen öffentlichen Reden, also seinem Wirken vor Ort enorme Schwächen gezeigt haben. Tatsächlich hatte sich Paulus nie zum Redner ausbilden lassen – meistens waren damals lediglich Anwälte Rhetoriker –, und auch von sich selbst behauptete er, kein Redner zu sein: „Mag ich auch in der Rede nicht bewandert sein, so doch wohl in der Erkenntnis“ (2 Kor 11,6). Gerade diese tiefe Erkenntnis Jesu Christi ließ ihn Briefe schreiben, die nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch ihre Form beeindrucken. Somit stellte Paulus den Lesern seiner Briefe das antike Ideal der schriftlichen Rhetorik – Briefinhalt und Briefform entschlüsseln sich gegenseitig – ganz nebenbei in einer sehr gelungenen Weise dar.