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Interview mit Pater Niklaus Pfluger (4. und letzter Teil)

Verfasst von dergeradeweg am 11. Juli 2009

PflugerNDGW: Wie sieht die Organisation der Jugend in anderen Ländern aus?

Pater Niklaus Pfluger: Die ist, außer eben im deutschen Sprachraum und in Frankreich, gewissermaßen nicht existent. In den Philippinen gibt es Ansätze, die schöne Früchte zeigen, aber sonst fällt mir jetzt so ganz spontan nichts ein. Die jeweiligen Oberen sind sich größtenteils dieses Mangels bewusst. Aber die riesigen Distanzen machen eine organisierte Jugendarbeit praktisch unmöglich. Man darf auch nicht vergessen: Nirgends auf der ganzen Welt sind die Kapellen und Priorate so dicht gestreut wie in der Schweiz, Deutschland und Frankreich. Wenn zu den für unsere Verhältnisse unvorstellbaren Distanzen auch noch Armut wie in Mexiko oder Südamerika hinzukommt, dann ist eine strukturierte Bewegung praktisch unmöglich. Zudem sind unsere Priorate in vielen Ländern quasi Missionsstationen, das heißt weit und breit ist nur ein einzelnes Priorat vorhanden, die Kapellen sind verstreut.

Nochmals Indien: in diesem Land mit einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen betreuen vier Priester, ein Ordensbruder und zwei Schwestern ca. 1000 Gläubige der Tradition. Im Vergleich zu Österreich: Da betreuen zehn Priester etwa 600 Gläubige. Die Nord-Südausdehnung beträgt in Indien 3214 km, die Ost-Westausdehnung knapp 3000 km. Man begreift, dass bei solchen Dimensionen regionale KJB-Treffen eher schwer zu organisieren sind – ganz abgesehen von der Qualität der Straßen…

DGW: Heißt das im Klartext, dass es ein Privileg ist, KJBler in Deutschland, der Schweiz oder Österreich zu sein?

Pater Niklaus Pfluger: Absolut. Darum ist es schwer verständlich, warum dieses Privileg nicht mehr genutzt wird. Ich glaube, unser Hauptproblem in der Jugend ist der fehlende oder doch nur schwach vorhandene apostolische und missionarische Eifer. Und dies ist so, weil unser Glaube nicht wirklich die Tiefen unseres Seins durchdringt. Erzbischof Marcel Lefebvre schrieb ganz am Ende seines Lebens in einem Brief an einen Prior in Frankreich: „Die Gläubigen, die das große Privileg haben, den wahren katholischen Glauben zu kennen und an der wahren hl. Messe teilzunehmen, diese Gläubige haben eine doppelte Verpflichtung: Sie müssen einen lebendigen Glauben haben und einen missionarischen Geist.“ Das ist nicht nur eine Forderung an die Jugend, aber ganz besonders an sie. Und da haben wir in unseren deutschsprachigen Ländern einen enormen Mangel. Wir sind alle so angesteckt durch die falschen Ideen der letzten drei Jahrhunderte, dass Religion eine Privatsache geworden ist und wir uns schon auf die Schulter klopfen, wenn wir nicht wie die moderne Jugend „herumgrölen, -saufen und -huren“, wie es mal einer etwas deftig ausgedrückt hat, ich glaube, es war ein Schwabe. Unsere Eltern sind im Normalfall zufrieden, wenn ihre Kinder nicht allzu große Dummheiten anstellen und irgendwann dem Hafen der Ehe zusteuern, und dies nach einem ordentlichen Studium. Mein Gott, was für eine Mittelmäßigkeit! „Das Himmelreich leidet Gewalt, sagt der Herr, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich.“

Leider werden wir erst in der Ewigkeit sehen, welche Möglichkeiten und Talente der liebe Gott gerade der Jugend in die Hände gelegt hat und wie viele Seelen nicht gerettet wurden, weil die Selbstzufriedenheit und die Genügsamkeit lebensbestimmend waren.

 

DGW: Sehen Sie das nicht zu pessimistisch?

Pater Niklaus Pfluger: Ich sehe das realistisch. Die einzig faktische Realität ist die Sicht Gottes. Und der Herr ist im Evangelium noch viel strenger. Nie waren die Apostel so erschüttert wie über die Rede ihres Meisters nach der Begegnung mit dem reichen Jüngling, der traurig wegging, weil er seinen Eigenwillen dem Ruf des Herrn vorzog (vgl. Mk 10,17–25). Und es ist zu beachten, dass dieser „KJBler“ der damaligen Zeit vollkommen war, alle Gebote gehalten und ihm nur noch eines gefehlt hat, die vollkommene Hingabe. Aber eben, die Reichtümer, und damit sind nicht nur Hab und Gut gemeint, dazu gehört auch der Eigenwille, der Materialismus, die Karriere und das Sich-bequem-Machen in dieser Welt, das alles beherrscht uns oft zu sehr. Wir werden wohl alle einmal staunen, wenn wir sehen werden, was alles mit der Gnade Gottes möglich gewesen wäre, was aber an unserem Kleingeist gescheitert ist.

Es ist erschütternd zu sehen, wie viele berufen sind und wie wenige dem Ruf tatsächlich folgen. Das gilt übrigens genauso für die Ehe. Mütter und vor allem Väter, die wirklich über sich hinauswachsen und zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen, die sind eher selten geworden. Machen wir uns doch nichts vor: Wir organisieren unser Leben, und wenn es nicht so funktioniert wie wir uns das ausgedacht haben, dann bemühen wir den lieben Gott. Eigentlich ist diese Gesinnung ganz schön ordinär. Dass unserer Jugend wieder die eine entscheidende Frage auf der Zunge brennt: „Herr was willst DU, dass ich tue?“, darauf kommt es an; dann wird es wieder besser.

 

DGW: Gibt es eine Zeitschrift wie den DGW auch in anderen Ländern? Wenn ja, wo gibt es Unterschiede? Was zeichnet den DGW aus?

Pater Niklaus Pfluger: Wie schon gesagt, eine programmatisch organisierte Jugendarbeit gibt es nur in Frankreich und bei uns. Darum gibt es in den anderen Ländern auch keine regelmäßigen Publikationen wie den DGW, die sich an die Jugendlichen richten. Der DGW hat diese einmalige Gelegenheit, nicht nur über Vereinsanlässe und Gruppenfahrten zu berichten – was durchaus sinnvoll und ermutigend sein kann –, sondern er kann die Linie bestimmen. Er muss beitragen zu einer wahren geistigen und geistlichen Formung und Bildung. Wenn sich die Leitung nicht scheut, wieder mehr zu fordern und eine geistige und moralische Elite heranzubilden, dann wird der DGW ein wichtiges Organ für die Jugendbewegung werden – und wieder mehr Leser unter der Jugend finden.

 

DGW: Welche Ratschläge können Sie den Gruppenleitern der KJB mit auf den Weg geben?

Pater Niklaus Pfluger: Sie sollen keine Angst haben, anders zu sein, speziell, eben katholisch. Das Ziel darf nicht sein, so zu sein wie die anderen, wie der Durchschnitt, das Ziel muss sein, etwas Schönes aus dem Leben zu machen. Nur das Beste soll gut genug sein. Und das Beste ist die Hingabe für die Rettung der Seelen: „Niemand hat eine größere Liebe als der sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Es ist etwas Wunderbares, Apostel von Aposteln zu sein, die wiederum Multiplikatoren sind für andere Jugendliche, die sich für den Glauben begeistern lassen. Die Gruppenleiter sind der Augapfel und die Hoffnung der Kirche. Ich wünsche ihnen, dass sie Priester finden, die sie zu einem hohen Ideal anleiten. Dieses hohe Ideal ist die Liebe zur Wahrheit, die gelebte Heiligkeit zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen.

Besten Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns ein Interview zu geben!

Eine Antwort zu “Interview mit Pater Niklaus Pfluger (4. und letzter Teil)”

  1. Gamaliel sagte

    Werte Leser!

    Zu den Ausführungen von P. Pfluger, erlaube ich mir als Österreicher zu ergänzen, daß von den 9 (NEUN) im Distrikt Österreich tätigen Priestern auch Tschechien, Ungarn und Südtirol seelsorglich betreut werden. Das Gebiet erstreckt sich also in Nord-Süd-Richtung über etwa 550km und in Ost-West-Richtung über etwa 1100km. Die Gläubigenanzahl beträgt etwa 800 regelmäßige Meßbesucher.
    Darüberhinaus halte ich solche Ländervergleiche nicht für besonders sinnvoll, da man daraus nur allzu schnell Animositäten wecken kann (hat dieses od. jenes Land verhältnißmäßig „zuviele“ Priester?, leisten die Priester in diesem od. jenem Land verhältnißmäßig zuwenig?,…)
    Eines scheint mir sicher, und wird sicher auch von P. Pfluger so gesehen: Wir arbeiten in der Bruderschaft nicht gegeneinander, sondern miteinander.
    Mag auch die quantitative Apostolatsstatistik in Österreich gegenüber manch anderen Ländern schlechter sein, so ist sicher z.B. die finanzielle Unterstützung der Bruderschaft in Österreich im Spitzenfeld (besonders durch die Großzügigkeit der verst. Baronin von Gutmann). Durch diesen Beitrag leistet Österreich auch Großes für die Ausbreitung der Missionen (z.B. in Indien), die ja ohne finanziellen Rückhalt aus dem „Westen“ (sc. dem Generalhaus) gar nicht möglich wären.
    So trägt Jeder sein kleines Schäuflein zum großen Werk des Erzbischofs und damit zur Rettung und zum Wiederaufbau der Kirche bei.

    Gott zum Gruß
    Gamaliel

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