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Interview mit Pater Niklaus Pfluger (Teil 3)

Verfasst von dergeradeweg am 4. Juli 2009

DGW: In Frankreich gibt es eine ähnliche Jugendorganisation wie die KJB. Was unterscheidet die MJCF grundsätzlich von der KJB?

Pater Niklaus Pfluger: Die MJCF ist älter als die KJB, und sie ist auch ganz anders strukturiert. Immer wieder wurde versucht, im deutschen Sprachraum eine ähnlich erfolgreiche Jugendarbeit aufzubauen wie in Frankreich, wo sehr viele Berufungen und katholische Familien aus dieser Bewegung hervorgegangen sind. Die MJCF hat eine viel klarere und sicher auch eine besser strukturierte intellektuelle und auch spirituelle Formung der Jugendlichen, vor allem der Verantwortungsträger. Von Anfang an war die Bewegung zentral auf die Bekehrung der Jugend ausgerichtet, was in beeindruckender Weise gelungen ist. Erst vor kurzem erzählte mir ein Priester, der in einem sogenannten Jugendlager die geistliche Betreuung übernommen hatte, dass gut ein Drittel der Teilnehmer von außerhalb der Tradition kam und sich in diesen Tagen des Lagers wirkliche Bekehrungen zugetragen haben. Was diesen Priester besonders beeindruckt hat, ist das hohe geistige und geistliche Niveau jener Leiter und Jugendlichen, die schon länger als ein, zwei Jahre bei der MJCF sind. Diese Erfahrungen sind kein Einzelfall.

Zudem ist die MJCF professionell organisiert, mehrere Mitglieder in der höheren Leitung erhalten einen Lohn. Sie wurde in den späten 60er-Jahren ganz bewusst außerhalb der diözesanen Struktur gegründet, um die beginnende Glaubenskrise zu überwinden; einen französischen Distrikt gab es damals noch nicht. Dies war möglich, weil es in Frankreich viel mehr Kräfte auch außerhalb der Priesterbruderschaft gab, die sich für den Erhalt des Glaubens einsetzten. Das machte sich vor allem in der Jugendarbeit bemerkbar, wo in Frankreich ein schier unendliches Potenzial vorhanden war, jedenfalls bedeutend mehr als in Deutschland oder in der Schweiz.

Das Problem der kirchlichen Struktur, also des Verhältnisses zwischen Priestern und Laienapostolat, besteht aber in der MJCF genauso wie in Deutschland, eigentlich noch viel stärker. So wird in Frankreich seit Jahren – eigentlich seit Beginn der Jugendbewegung – eine große Diskussion über das Verhältnis des Klerus zu den Laien geführt: Wer hat die letzte Verantwortung? Gibt es ein Apostolat außerhalb der Hierarchie der Kirche? Der Distriktobere in Frankreich steht z. B. vor dem großen Problem, dass der größte Teil der Jugend im Distrikt in der MJCF organisiert ist, aber Laien die letzte Verantwortung haben. Priester des Distrikts arbeiten zwar in der Bewegung mit, sind aber für diese Aufgabe nicht dem Distriktoberen unterstellt. Die Schwierigkeit wird zurzeit dadurch umgangen, dass ein Bischof der Bruderschaft sozusagen eine Vermittlerrolle zwischen Distrikt und Bewegung einnimmt.

 

DGW: Was könnte die KJB von der MJCF lernen?

Pater Niklaus Pfluger: Eine typisch deutsche Frage! Warum nicht einmal umgekehrt fragen: Was könnte die MJCF von der KJB abschauen? Der Unterschied liegt vielleicht gerade in diesem Mix, einem gewissen Minderwertigkeitskomplex, der sich in germanischen und allemannischen Ländern auf die Tradition im Allgemeinen und auf die Glaubenspraxis im Besonderen übertragen hat: Der Student ist froh, wenn er nicht nach dem Glauben gefragt wird; die Nachbarn wissen auch nach Jahren noch nicht, wo und dass man am Sonntag zur Messe fährt. Und dann die Angst, die Karriere könnte Einbußen erleiden, weil man „zu Lefebvre geht“! Diese Scheu – oder ist es Angst? – gibt es so in anderen Ländern nicht.

Lernen könnte unsere Jugend, stolz zu sein, den traditionellen Glauben zu kennen. Seit dem Debakel des deutschen Idealismus haben wir nicht mehr die Selbstverständlichkeit der Franzosen, besser zu sein, einzig und allein, weil wir katholisch sind; den Stolz des spanischen Hidalgo, der seine Küche als die beste anpreist, obwohl sie eine wahre Katastrophe ist, aber das ficht ihn nicht an; die Freude und die Hingabefähigkeit, wie man sie nur auf den Philippinen oder noch in Afrika findet; die Großzügigkeit der Nordamerikaner, die sozusagen über Nacht Kirchen und Schulen aufstellen – das alles und noch viel mehr haben wir bei uns verloren.

In Kürze breche ich zu einer Visitation nach Indien auf. Ganz im Süden des Landes, nur gerade 150 km entfernt vom Kap Comorin, baut eine junge Ordensschwester ein Waisenhaus, ein Altenheim, eine Kirche und ein Kloster. Jung, hübsch und reich hatte sie als Arzttochter eine Topstelle im Computersektor in den USA bis zu jenem Tag, da sie sich die Frage stellte: „Wozu tue ich das eigentlich alles?“ Sie kehrte zurück nach Indien und baute ein Waisenhaus auf. Zwei Tage bevor sie den Vertrag für den Neubau eines Waisenhauses unterschrieb, lernte sie die Tradition kennen. Sie begriff, dass die heilige Messe das Zentrum ihrer Arbeit sein müsse. Sie gab alles auf, verteilte die Hundert Kinder auf andere Häuser und zog in die Nähe unseres Priorates, wo sie jetzt – mittlerweile hat sie das Noviziat durchlaufen – das erwähnte Projekt aufbaut. Was sie besonders herausragen lässt, sind ihre Bescheidenheit, ihr tief innerliches Leben und eine faszinierende Willensstärke. An ihrer Seite wirken Mädchen aus den USA, aus Frankreich, sogar aus England, aber aus Deutschland oder der Schweiz habe ich keine getroffen. Warum? Nur ein Zufall? Diese Inderin mag eine Ausnahme sein, vielleicht. Aber warum bringt der Glaube in unseren Ländern, wo der Kampf für den Erhalt des Glaubens nun schon vierzig Jahre andauert und wunderbare Strukturen geschaffen hat: Familien, Schulen, Seminare, Klöster, nicht mehr Früchte hervor? In Zaitzkofen, Göffingen, Häusern etc. verstauben die leeren Zimmer; wir haben viel zu wenige Berufungen.

Das alles mag viele Ursachen haben und ist wie immer ein mehrschichtiges Problem. Aber ein Element ist gewiss diese mittelmäßige Bürgerlichkeit: Die persönliche Einrichtung, die Sicherheit und der „Job“ sind Thema. Aber über sich hinauswachsen, einfach ad majoram Dei gloriam („zur größeren Ehre Gottes“) das Abenteuer der Nachfolge wagen, ohne Lebensversicherung, ohne Garantie, das kann die KJB von anderen Ländern lernen. Der Deutsche spricht von Hingabe, wenn er hergibt, was er in seinen Händen hat und worüber er bestimmen kann; der Franzose nennt das don de soi („Hingabe seiner selbst“) – das ist der Unterschied.

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