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Interview mit Pater Niklaus Pfluger (Teil 2)

Verfasst von dergeradeweg am 29. Juni 2009

DGW: Als Sie im Jahr 2004 zum Distriktoberen von Deutschland ernannt wurden, haben Sie sich vor allem um die Aufstellung einer Charta bemüht. Warum?

Pater Niklaus Pfluger: Ich kannte den Deutschen Distrikt von meiner Zeit als Regens im Priesterseminar in Zaitzkofen und von der kanonischen Visitation (2003) her, die sich über fast drei Monate erstreckte. Die über Jahre dauernden lähmenden Diskussionen über das angeblich problematische Verhältnis von Aktion und Kontemplation waren atmosphärisch immer noch präsent, und vor allem hatten sie ihre Spuren hinterlassen. Noch folgenschwerer war, dass viele Mitbrüder ein distanziertes Verhältnis zur KJB hatten, was allgemein nachhaltige Folgen hatte, nicht nur für die Jugendarbeit, sondern auch für die Weckung von Berufungen und die Gründung von soliden christlichen Familien. Es wurde sogar der Versuch unternommen, eine alternative Jugendarbeit zu organisieren, so dass in einem bedeutenden Priorat eine KJB-Gruppe existierte und daneben eine Organisation aufgebaut wurde, sozusagen für die noch bessere Jugend. Das war grotesk, aber es offenbarte eine gewisse Orientierungslosigkeit. Denn es gab viele eifrige Jugendliche, aber in der konkreten Arbeit verpuffte ihre Energie großteils. Meiner Meinung nach fehlte eine Struktur, die das Verhältnis und auch die Kompetenzen der Priester und der Leitung der KJB regelte.

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Bei der Übernahme eines neuen Amtes plant man immer über mehrere Jahre hinaus. In einem Distrikt ist neben der Sorge für die Priester die Jugendarbeit ganz allgemein gesprochen ein wesentlicher Aspekt des Apostolates, vielleicht sogar der wichtigste: Aufbau und Formung, Heiligung und Führung der Jugend, damit sie die verschiedenen Aufgaben in der Kirche und der Welt übernehmen können. Das ist nicht nur grundlegend, sondern auch die Zukunft (der Kirche und des Volkes).

Es ging darum, sowohl die Priester wie auch die Verantwortungsträger in der KJB von ihrer Aufgabe zu überzeugen. Einzelne Priester sagten: „Das ist Aufgabe der KJBler.“ Und diese überließen viele Aufgaben und Initiativen den Priestern. Das war vielleicht unbewusst, aber die Jugendarbeit war in vielen Prioraten und Kapellen eher ineffizient. Die Charta sollte diesen Zustand beenden, dabei ließ ich mich von den Erfahrungen in der Schweiz inspirieren.

DGW: Das Vorhaben, eine Charta zu konstituieren, ist beinahe so alt wie die KJB selbst. Warum hat es so lange gedauert, bis man die Statuten schriftlich fixieren konnte?

Pater Niklaus Pfluger: Am Anfang der Bewegung war das vielleicht nicht nötig; die Apostel hatten auch keine Charta… Ich weiß nicht, ob das Bedürfnis nach einer Charta schon früh vorhanden war. Aber immer wieder wurde Unzufriedenheit über das Programm laut. Es fehlte eine Charta, die Aufgaben, Ziele und vor allem den Geist der Bewegung in der konkreten Situation anwenden hilft. Jede Gemeinschaft, jedes soziale Gefüge hat nicht nur ein Programm oder Statuten, sondern auch eine Struktur, welche diese Ideen auch in der konkreten Situation verwirklicht. Es braucht Geist und Leben, es bedarf aber auch einer Struktur, Ordnung und Logistik, sonst finden die besten Ideen und Überzeugungen keine Entfaltung. Es ist wie mit dem Verhältnis von Leib und Seele: Man darf nicht ein Element auf Kosten des anderen überbetonen oder falsch gewichten, sondern in der ausgeglichenen Harmonie werden enorme Kräfte frei. Jede neue Gründung steht vor dem gleichen Problem: Gelingt es dem Gründer, seinem Werk eine tragende Idee über seine Person hinaus und über sein Charisma mitzugeben, oder bleibt das Werk an seiner Person haften und ist so unfähig, über die Zeit hinaus zu dauern und sogar zu wachsen. Irgendwie war eine solche Ratlosigkeit auch in der KJB-Deutschland festzustellen. Man wusste nicht so recht, wie weiter. Wie soll der Geist der KJB, ihr Programm in der konkreten Situation angewendet werden, also vor Ort, in den Gruppenstunden, die mittlerweile doch praktisch ausschließlich in den Prioraten und Messzentren stattfanden, das war die große Frage. In der KJB-Schweiz hatte man schon seit 1986 sogenannte „Innere Richtlinien“, welche alle Beteiligten in die Pflicht nahmen. So etwas fehlte in Deutschland.

 

DGW: Ein paar Worte über den Entstehungsprozess der Charta…

Pater Niklaus Pfluger: Konkreter Anlass war eine massive Unzufriedenheit verantwortlicher KJB-Priester über das Verhalten einiger KJBler bei einem Gesamttreffen im Herbst 2004. Wir hatten ein harmonisches Leitertreffen im Langhärtle und P. Helmut Trutt, der damals die Verantwortung für die KJB in Deutschland trug, besprach mit den Leitern Ursachen dieser Missstände und vor allem Maßnahmen, um den Geist in den Gruppen zu dynamisieren und zu verbessern. In den Vorträgen und den Gesprächen mit den Jugendlichen und den Priestern bei diesem Treffen wurde mir bewusst, dass ohne klare und grundsätzliche Regelung der Aufgaben und Pflichten innerhalb der KJB keine wahre und dauernde Verbesserung erreicht werden kann.

Darauf folgten viele Gespräche mit einzelnen Priestern und Prioren, wir hatten Treffen in Stuttgart und sogar bei den Priestertreffen war die Situation der KJB Thema: Der Verantwortliche für die KJB beklagte sich über mangelnde Hilfe bei den Priestern, die Priester beklagten sich über den mangelnden Eifer und die Trägheit der KJBler. In einem Wort, die Jugendarbeit war festgefahren und irgendwie gelähmt. Andrerseits lernte ich aber auch im ganzen Distrikt viele eifrige Leiter kennen, eine gute Jugend auch, die aber der Führung bedurfte. Ich hatte auch das Glück, junge Priester im Distrikt zu haben, die für die KJB arbeiten wollten. So sah ich keinen andern Weg, als die Neuformung der KJB sozusagen zur „Chefsache“ zu erklären. In einem Zug schrieb ich die Charta nieder und legte sie den drei verantwortlichen Jugendlichen vor. Es folgte eine lange – in meinen Augen zu lange – Diskussion, im Kern, unter den Leitern, insbesondere über die Frage der Mitgliedschaft. Aber es war wichtig, dass die Leiter sich damit auseinandersetzten und auch die Priester sich in die Pflicht genommen sahen. Nach verschiedenen Verbesserungen und Ergänzungen trat sie dann im Sommer 2006 in Kraft.

 

DGW: Wenn Sie die Charta auf wenige Sätze zusammenfassen müssten…

Pater Niklaus Pfluger: Sinn und Zweck der Charta sind in der Einleitung beschrieben. Da heißt es unter anderem: „Die Charta der KJB-Deutschland ist keine Ergänzung oder Verbesserung des Programms, sondern beschreibt die innere Struktur der KJB. Sie bestimmt die Aufgaben und die Beziehungen der einzelnen Organe der KJB und definiert deren Aufgaben und Arbeitsweise.

Darüber hinaus regelt die Charta die Zugehörigkeit, die Verpflichtungen und die Aufgaben der Jugendlichen, welche sich freiwillig als Mitglieder der KJB angeschlossen haben. Die Charta der KJB ist neben dem Programm wesentlicher Bestandteil der KJB in Deutschland.“

In einem ersten Teil wird die kirchliche Struktur der KJB beschrieben und die Verantwortung der Priester im Distrikt für die Jugendarbeit sowie die Pflichten der Jugendlichen geregelt. Im zweiten Teil der Charta werden die Organe und ihre Aufgaben beschrieben, also die Gruppe, das Gruppenleitertreffen, der sogenannte KJB-Kern, die KJB-Schulung sowie die regionalen und nationalen Treffen. In einem weiteren Abschnitt werden die Aufgaben der verschiedenen Priester und die der Jugendlichen beschrieben, insbesondere die der Leiter. 

(Fortsetzung folgt)

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