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Saul, Saul warum verfolgst du mich?

Verfasst von dergeradeweg am 22. Juni 2009

paulus31Wenn Paulus auf sein Leben zurückschaute, dann teilte es sich vor ihm in zwei Hälften: die Zeit „ohne Christus“ und die Zeit „in Christus“. In drei schnell aufeinanderfolgenden Ereignissen schien sein Leben geradezu dem großen Umschwung, seiner Bekehrung, entgegenzueilen: Erst beaufsichtigte er die Steinigung des Stephanus, dann verfolgte er die Christen in Judäa und ritt schließlich zu einer weiteren Christenverfolgung nach Damaskus.

KJB Dresden, DGW Ausgabe 2/2009

Wie es zu dem plötzlichen Sinneswandel kam und wie er bei Paulus innerlich ablief, bleibt im Dunkeln. Sicher ist nur, dass Jerusalem durch den Eifer der Pharisäer von hellenistischen Christen „gesäubert“ worden war. Einige Christen waren daraufhin nach Joppe geflohen, wo sie von Petrus unterrichtet wurden, andere nach Samaria, wo sich Philippus aufhielt, wieder andere flohen bis nach Phönizien, Zypern und Antiochien.

Der größte Strom von Flüchtlingen fand jedoch seine Zuflucht in Damaskus, im Herzen des östlichen Syrien. Doch auch dort war aus Sicht der Pharisäer die Glaubenstreue der ansässigen Juden durch die „Invasion“ der christlichen Emigranten in Gefahr. Diese Brut musste ausgehoben werden: „Saulus aber, noch entbrannt von Wut und Mordgier gegen die Jünger des Herrn, ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er, falls er Anhänger dieses Weges, ob Männer oder Frauen, fände, sie als Gefangene nach Jerusalem brächte (Apg 9,1-3). 

In dieser Gesinnung sehen wir Saul eines Morgens, an der Spitze einer wohlbewaffneten Schar durch das Damaskustor, vorbei am Grab des ersten christlichen Martyrers Stephanus, in Richtung Norden reiten. Die Reise nahm damals eine ganze Woche in Anspruch. Der Weg führte sie über das steinübersäte, kahle Hochplateau von Judäa, an Bethel vorbei, dann durch die bleichen Kornfelder von Samaria, durch die der Heiland vor wenigen Jahren gewandert war, wobei er prophetisch gesagt hatte: „Sehet wie die Felder schon goldig sind zur Ernte! (Joh 4,35) und „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende zu seiner Ernte!“ (Mt 9,38). Schließlich hatte ja nun Saul durch seine Verfolgung die Worte des Herrn wahr gemacht. Die Reise geht weiter, vorbei am Jakobsbrunnen, an dem Jesus selbst gesessen hatte, dann folgte ein Abstieg zu der blaugrünen Ebene von Esdrelon bei Dschennin. Hier wandten sich Saul und seine Begleiter an den Bergen von Gelboa vorbei – wo einst sein Ahnherr Saul Reich und Krone verlor – nach Osten, zum Jordan. Diesen überquerten sie bei Skythopolis, von dort aus ging es durch die Wildnis von Gadara hinauf zur alten Via maris. Da endlich lag die grüne Oase der Ebene von Damaskus vor ihm:

Als ich so dahinzog und mich Damaskus näherte, da umstrahlte mich plötzlich zur Mittagszeit vom Himmel her ein starkes Licht. Ich stürzte zu Boden und hörte eine Stimme, die mir zurief: ‚Saul, Saul, warum verfolgst du mich?’ Ich antwortete: ‚Wer bist du, Herr?’ Er sagte zu mir: ‚Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst.’ Meine Begleiter sahen zwar das Licht, die Stimme dessen aber, der mit mir redete, verstanden sie nicht. Ich fragte weiter: ‚Herr, was soll ich tun?’ Der Herr erwiderte mir: ‚Steh auf und zieh weiter nach Damaskus. Dort wird dir alles gesagt, was zu tun für dich bestimmt ist’“(Apg 22,6-10). 

Was Saulus in diesen wenigen Augenblicken erlebt hatte, überließ er keinem Zweifel, er war vollkommen überzeugt, wirklich den Auferstandenen geschaut und mit ihm gesprochen zu haben.

Saul war keineswegs ein Träumer. Vielmehr war er ein Mann der Tat. Sogleich fragte er Jesus: „Herr, was willst du, dass ich tun soll?“ Wie ein Ritter hatte er die Festung seines Glaubens verteidigt. Aber nun, da sich ihm das Ziel seines bisherigen Eifers als Irrtum zu erkennen gab, trat er entschlossen in den Dienst des Siegers.

Kein Jammern über ein zerbrochenes Leben, kein verzweifeltes Sich-ins-Schwert-Stürzen findet man bei Paulus, sondern Tat, Umlernen, Umgewichten auf der ganzen Linie: „Herr, nimm mich mir und gib mich dir!“, „Ich will dein Gefolgsmann, dein Sklave sein!“ So wird Saulus künftig seine Briefe unterschreiben.

Und noch etwas nahm er für sich und die christliche Theologie aus dieser gnadenreichen Herablassung Christi mit: Dass es nicht auf jemandes Wollen oder Tun ankommt, sondern allein auf Gottes Erbarmen (Röm 9,16). So wurde er durch die Erscheinung des Auferstandenen nicht bloß äußerlich überwältigt von der Erkenntnis, dass Jesus der wahre Messias sei, sondern zugleich innerlich seines Irrtums überführt, seiner sittlichen Ohnmacht, seiner religiösen Verlorenheit. Von da an war er überzeugt von dem Heiland der Sünder, dem Erlöser aus Not und Gottesferne, dem Versöhner, der uns durch sein Blut Gott zuführt (Eph 2,13).

Ohne die Erscheinung des Auferstandenen wäre Paulus niemals über das „Ärgernis des Kreuzes, d. h. über die jüdische Auffassung des Kreuzes als Schandpfahl, hinweggekommen. Nur die Auferstehung konnte dieses Hindernis hinwegräumen. Dass ihm aber der Auferstandene nicht als Straf- und Rachebild erschien, sondern als die erlösende Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes (Tit 3,5), das war für ihn die innere Bekehrung: Am Gekreuzigten hat sich der Zorn Gottes in Liebe verwandelt, denn der Gekreuzigte ist das Lamm Gottes, das die Propheten vorausgesagt hatten.

Kritiker mögen Paulus als psychisch Kranken und seine Vision als bloße Einbildung abtun. Dem widerspricht jedoch seine unglaubliche, dreißig Jahre andauernde Missionstätigkeit. Wenn je ein Mann gesunden Menschenverstand und Wirklichkeitssinn gehabt hat, dann war es Paulus. Er war sich seiner Sache sicher und brachte für sie das Opfer seines Lebens. Wenn sich im Natürlichen alles nach den Gesetzen der menschlichen Psyche abspielt, neue Entwicklungen eine bestimmte Seelenlage voraussetzen, ohne die es nur Anläufe ohne Ausdauer gibt, so ist die unvermittelte Plötzlichkeit und Dauerhaftigkeit seiner Umwandlung der sicherste Beweis ihres übernatürlichen Ursprungs.

Es wäre falsch zu meinen, die ganze paulinische Theologie wäre durch die Christusbegegnung zu Damaskus  entstanden. Vieles konnte Paulus aus den Disputationen mit Stephanus und den Hellenisten, aus den Gerichtsverhören der Verfolgten, aus dem späteren Verkehr mit der Brüdergemeinde in Damaskus und dem Jüngerkreis in Jerusalem erfahren.

Vier große Erkenntniskreise lassen sich aber auf das Damaskuserlebnis zurückführen:

  1. die Messiaswürde des Auferstandenen und die Erfüllung aller Weissagungen in ihm;
  2. die Gottheit Jesu, die in Verbindung mit dem Messiasbild dem damaligen Judentum völlig unzugänglich war, und die Wesensgleichheit des irdischen Jesus mit dem verklärten, ewigen Gottessohn;
  3. das mystische Einwohnen Christi in seinen Gläubigen als in seinem irdischen Erscheinungsleib (Apg 9,5; 1 Kor 12,13; Eph 5,30); (das spätere „in Christus Jesus“ wird Paulus bereits hier offenbar, darin liegt der Ausgangspunkt der paulinischen Christus- und Ecclesia-Mystik, deren erste Anfänge bis in seine frühe Kindheit zurückreichen);
  4. seine Berufung zum Heidenapostel – es ist seine Berufungsvision und kann mit den Berufungsvisionen der großen Propheten verglichen werden.

Ein Zwang liegt auf mir: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!“(Kor 9,16)

Vor allem aber hat ein Gedanke alle anderen in seiner Seele übertönt: Das Durchdrungensein von der unfassbaren verzeihenden Liebe Christi: Dass der Herr nach seiner Auferstehung zu seinen geliebten Jüngern gekommen ist, das war zu erwarten, aber dass er ihm, dieser „Fehlgeburt“, seinem grimmigsten Feind erschien (1 Kor 15,7), ja dass Gott ihn schon „vom Mutterschoß an“ all die Jahre hindurch mit seinem Liebesblick umfangen hatte (Gal 1,15), diese zarte Liebe des Herrn, der ihn zuerst geliebt und sich für ihn hingegeben hat – das war für ihn das wahrhaft Überwältigende. Diese Liebe war seither Dreh- und Angelpunkt seines Evangeliums.

Es war das Ostererlebnis des Saulus: ein Zweikampf zwischen Schöpfer und Geschöpf. Gott ist ein gewaltiger Jäger und will gerade die Stärksten zum Raube haben. Die Christophorus-Naturen, die sich nur dem Stärksten ergeben, scheinen ihn am meisten zu reizen. Hier gibt es kein Entrinnen, hier bleibt nur die bange Wahl: entweder sich ergeben oder verbluten. Die gleichen Erlebnisse und seelischen Vorgänge hätten bei Paulus auch mit der anderen Alternative endigen können. Dass sie mit seiner Bekehrung geendigt haben, war nicht das Ergebnis der Verkettung von historischen Ereignissen oder einer seelischen Gemütslage. Es ist das undurchdringliche Geheimnis von Gnade und Freiheit.

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