Wertewandel oder Werteverfall?
Verfasst von dergeradeweg am 12. April 2008
Die Diskussion um Werte wurde in den letzten Monaten neu entfacht. Immer wieder ist von Wertewandel und Werteverfall die Rede. In der folgenden Abhandlung möchte ich verschiedene Ansätze zur Wertediskussion vorstellen und eine abschließende Betrachtung vornehmen.
Von Markus Müller, DGW-Korrespondent
Ronald Ingleharts Postmaterialismustheorie
Zunächst zur Ingleharts Postmaterialismustheorie. Nach Inglehart lässt sich gesellschaftlicher Wandel über einmal erworbene und relativ konstante beibehaltene Wertorientierungen erklären. Seine These von einem fundamentalen Wertewandel in den westlichen Industrieländern unterstellt eine zunehmende Ablösung materialistischer Werte durch postmaterialistische Werte mit positiven gesellschaftlichen Auswirkungen. Ingleharts Wertewandelkonzept basiert einerseits auf einer sozialpsychologischen Theorie und andererseits auf einer Sozialisationstheorie.
Bezug nehmend auf Maslows Konzept einer Bedürfnishierarchie stellt Inglehart die Behauptung auf, dass Menschen zunächst Bedürfnisse der physiologischen und physischen Sicherheit und damit materialistische Wertstrukturen entwickeln, auf deren Befriedigung dann die Herausbildung sozialer, kultureller und intellektueller Bedürfnisse und damit postmaterialistischer Wertstrukturen folgt. Diese Behauptung verbindet Inglehart mit der Mangelhypothese, nach der diejenigen Bedürfnisse an subjektiver Wertschätzung gewinnen, die noch nicht befriedigt und zudem verhältnismäßig knapp sind.
Um einen langfristig stabilen Wertewandel ableiten zu können, kombiniert Inglehart seine motivations-psychologischen Überlegungen mit einer Sozialisationshypothese. Diese besagt, dass die grundlegenden Einstellungen und Wertprioritäten einer Person sehr stark durch jene Bedingungen geprägt werden, die sie in der „formativen Phase“ – d.h. in den ersten zwanzig Lebensjahren – vorfindet, und dass diese Grundwerte keinen kurzfristigen Veränderungen unterliegen, sondern dauerhaft als Wertmaßstab zur Beurteilung von sozialen und politischen Entwicklungen dienen. Vor diesem Hintergrund stellt Inglehart nun die Behauptung auf, dass jene Generationen in westlichen Industriegesellschaften, die in Phasen materiellen Mangels geboren und sozialisiert worden sind, in ihrer Mehrheit materialistische Wertorientierungen entwickelt hätten, während andere Generationen, die in Zeiten relativer Prosperität aufgewachsen sind, in zunehmendem Maße postmateralistische Wertorientierungen aufweisen.
Letzteres treffe auf die in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsenen Menschen prinzipiell zu. Aus dieser Sicht stellt sich ein postmaterialistisch geprägter Wertewandel, der mit einer Politisierung der Gesellschaft einhergeht, quasi als evolutionäres Ergebnis der ökonomischen Entwicklung moderner Industrienationen dar. Diese zentrale Aussage wurde von Inglehart im Verlaufe der siebziger und achtziger Jahre anhand einer Reihe von Befragungen in europäischen Ländern überprüft, in denen die Befragten Ranglisten von Eigenschaften bildeten, die jeweils für materialistische Werte oder postmaterialistische Werte standen. In diesen Untersuchungen schien der Nachweis dafür erbracht worden zu sein, dass es in dem genannten Zeitraum tatsächlich zu einem Bedeutungsverlust materialistischer Werte gekommen ist und dass Zusammenhänge zwischen niedrigem Lebensalter, hoher Bildung und Tätigkeiten im Dienstleistungssektor einerseits sowie der Hochschätzung postmaterialistischer Werte andererseits vorliegen. So behauptet Inglehart, dass der Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten ab etwa der 60er und 70er Jahre „evolutionär“ bedingt ist; wir brauchen sozusagen neue Werte.
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