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Die Kardinaltugenden

Verfasst von dergeradeweg am 12. April 2008

Von Pater Mathias Gaudron

Göttliche und sittliche Tugenden

Man unterscheidet in der Theologie göttliche und sittliche Tugenden. Die göttlichen Tugenden, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe, haben Gott selbst zum unmittelbaren Gegenstand. Mit Hilfe des Glaubens glauben wir Gott alles, was er geoffenbart hat und weil er es geoffenbart hat. Die Hoffnung lässt uns auf die Hilfe Gottes vertrauen, um das Ziel, das Gott uns gegeben hat, zu erreichen. Mit der Tugend der Liebe schließlich lieben wir Gott um seiner selbst willen.

Die sittlichen Tugenden betreffen dagegen mehr die Mittel, die zu Gott führen, bzw. den rechten Gebrauch der irdischen Dinge. So gehört z. B. selbst die Tugend der Religion zu den sittlichen Tugenden, da sie nicht Gott selbst, sondern seine rechte Verehrung zum Gegenstand hat. Von alters her spricht man hier von den vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit bzw. Mäßigung. Die Vierzahl dieser Tugenden findet sich schon bei den alten Griechen und soll zuerst von Sokrates aufgestellt worden sein. Der Name „Kardinaltugenden“ wurde allerdings erst von Ambrosius († 397 n. Chr.) geprägt. Das lateinische Wort cardo meint eigentlich die Türangel, und der Begriff soll wohl andeuten, dass sich um diese Tugenden alles dreht bzw. man alle anderen Tugenden auf sie zurückführen kann. Man kann sie also auch Haupt- oder Grundtugenden nennen. So gehört beispielsweise die schon erwähnte Tugend der Religion zur Tugend der Gerechtigkeit, die jedem geben will, was ihm zusteht. Die Tugend der Geduld gehört zur Tapferkeit und die Tugend der Keuschheit zur Mäßigung.

 

Die Kardinaltugenden entsprechen den vier Grundkräften des Menschen: Die beiden geistigen Grundkräfte des Menschen sind Verstand und Wille. Diese benötigen die Klugheit bzw. die Gerechtigkeit, um den richtigen Weg zum Ziel zu erkennen und anzustreben. Mehr zur sinnlichen Natur des Menschen gehören das Zornes- und das Begehrungsvermögen, die durch die Tapferkeit bzw. die Mäßigkeit in der rechten Ordnung gehalten werden. Die Kardinaltugenden dienen somit auch zur Heilung der Wunden, die die Erbsünde uns geschlagen hat, nämlich der Verdunkelung des Intellekts, der Bosheit des Willens, der sittlichen Schwäche und bösen Begierlichkeit.

 

 

Natürliche und übernatürliche Tugenden

 

Die vier Kardinaltugenden waren schon den alten Griechen bekannt. Es sind nämlich zuerst natürliche Tugenden, die der Mensch sich mit seinen natürlichen Kräften erwerben kann. Diese Tugenden werden aber durch die Gnade auch auf die übernatürliche Ebene gehoben und existieren hier als von Gott eingegossene Tugenden. Man spricht daher auch von erworbenen bzw. eingegossenen Tugenden. Beide Arten der Tugend unterscheiden sich durch das natürliche bzw. übernatürliche Ziel, das sie anstreben, und durch das natürliche bzw. übernatürliche Motiv, um dessentwillen sie geübt werden. Sie sind – nach einem Vergleich von P. Garrigou-Lagrange – wie zwei Töne, die denselben Namen tragen, aber durch eine Oktav voneinander unterschieden sind.

 

So strebt z.B. die philosophische Mäßigkeit danach, der zügellosen Esslust nicht nachzugeben, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Körpers zu erhalten. Die christliche Mäßigkeit übt dagegen vor allem aus Liebe zu Gott Zurückhaltung im Gebrauch der irdischen Genüsse oder auch, um dem leidenden Christus ähnlicher zu werden. Eine natürliche Religion würde versuchen, Gott zu ehren, insofern er von der natürlichen Vernunft als Schöpfer und Herr erkannt wird. Die übernatürliche Religion verehrt dagegen Gott auf die Weise, die er selbst geoffenbart hat. Ziel und Motiv der übernatürlichen Tugend sind also viel höher und können von der natürlichen Tugend nicht erreicht werden.

 

(…)

 

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