Memoria, Mysterium und Prophetia – eine dreifache Sicht
Wenn wir nach vielen Wochen der Nachpfingstzeit die erste Vesper vom Adventssonntag singen und damit das neue Kirchenjahr einläuten, fällt uns sofort ein großer Unterschied auf: Vorher war die Liturgie bescheiden und nüchtern, jetzt ist sie poetisch, voll Gemüt und Stimmung. Der erste Gesang: „An jenem Tage wird Süßigkeit träufeln…“ äußert sofort, dass wir in eine hoffnungsfrohe, botschaftsreiche Zeit treten, eine Zeit der Erwartung, Sehnsucht und Freude. Pius XII. erklärte in seiner Enzyklika „Mediator Die“ die Bedeutung der Liturgie im Kirchenjahr folgendermaßen:
„Das liturgische Jahr, von der Frömmigkeit der Kirche genährt und begleitet, ist nicht eine kalte, leblose Darstellung längst vergangener Dinge oder eine einfache, bloße Erinnerung an Ereignisse aus einer frühen Zeit. Vielmehr ist es Christus selbst, der in seiner Kirche fortlebt und der da den Weg seines unermesslichen Erbarmens weitergeht, den er selbst in diesem sterblichen Leben, als er Wohltaten spendend dahinging, begonnen hat in der liebevollen Absicht, dass so die Menschen mit seinen heiligen Geheimnissen in Berührung kämen und sozusagen in ihnen lebten.“
Aus diesen Worten resultierend wird das Kirchenjahr also zum „Christusjahr“. In der Adventszeit wird wie in jeder Festzeit dieses Christusjahres eine dreifache Sicht deutlich: die der memoria, die des mysteriums und der prophetia.
Die memoria ist die Erinnerung des einmaligen Geschehens der Vergangenheit. In der Adventszeit wird in diesem Sinne erinnert an das jahrtausendelange Warten des Heilsvolkes der Juden auf den Messias (ein Warten, das nur für die Christenheit mit der Geburt Christi beendet wurde) und das Warten aller adventlichen Völker auf den Heilbringer, der ihre Sehnsüchte, Träume, Wünsche erfüllt.






Liebe KJBler,
Paulus war als ehemaliger Pharisäer mit der Heiligen Schrift bis ins Kleinste vertraut: Auf das Wort Gottes galt es ihm zu hören und es auf die praktischen Fragen der individuellen Lebensführung hin zu interpretieren, kurz, Gottes Gebote und Verbote strikt zu befolgen. Das Wort Gottes des Alten wie des Neuen Bundes war für Paulus nie nur ein Bericht über die Geschichte und die Wirklichkeit gewesen, sondern stets auch das, was die geschaffene Wirklichkeit hervorgebracht hat und bis in die Gegenwart hinein trägt. Das durch die Propheten und durch Gottes Sohn geoffenbarte Wort – insbesondere das Evangelium (wenn auch noch ungeschrieben) – war in Paulus’ Augen die Kraft Gottes selbst. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht. Es ist ja eine Gotteskraft zur Rettung für jeden, der glaubt, zunächst für den Juden, dann auch für den Heiden“ (Röm 1,16). Der Glaube war es, der Paulus zum Reden drängte, und er war fest davon überzeugt, dass er ohne die Verkündigung des Glaubens die Menschen nicht zu Christus führen könne: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie von ihm hören, wenn ihnen niemand predigt?“ (Röm 10,14)