von Pater Gérard Mura
Geschichtliche Untersuchungen
Die Glaubenskrise ist nicht nur eine religiöse Krise
Die moderne Krise des Glaubens ist nicht nur eine rein religiöse Krise. Vielmehr reichen die Fehlhaltungen viel tiefer. Der Glaubensverfall wurzelt tatsächlich in einer irgendwie umfassenderen Schwierigkeit, die das menschliche Denken überhaupt betrifft – und nicht nur das Christentum. Der Glaubensverfall hängt nämlich mit einer Krise der grundsätzlichen Wahrheitsfähigkeit des menschlichen Denkens zusammen. Man glaubt grundsätzlich nicht mehr, dass der Mensch fähig sei, die Wahrheit zu erkennen.
Die Glaubenskrise wurzelt in einer Krise der Philosophie
Ist der Mensch überhaupt fähig, Wahrheit zu erkennen, oder ist er es nicht? Diese Frage, die der unverbildete Mensch natürlicherweise mit „Ja“ beantwortet und die auch vom griechischen Philosophen Sokrates bis hin zu den Grenzen der Neuzeit selbstverständlich bejaht wurde, wird – mehr oder weniger differenziert – von fast allen neuzeitlichen Philosophen (Denkern) rundweg verneinend beantwortet.
Dieses zunehmende Misstrauen bezüglich der Fähigkeit des menschlichen Erkennens setzte mit dem englischen Philosophen Wilhelm von Ockham (1300-1349) ein. Die kritische Haltung erhielt neuen Schwung durch die neuartige Sichtweise des Erkennens von René Descartes (1596-1650), deren Konsequenzen besonders von Immanuel Kant folgerichtig weitergeführt wurden (1724-1804).
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